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Bahnhofswald Flensburg: Video-Dokumentation des Gesprächs vom 21.10.2020 zwischen Hotelinvestoren und Waldschützern

Diskussionsrunde „Bahnhofswald“ – REDEN WIR DRÜBER, die am Mittwoch, den 21.10.2020 im Studio des Offenen Kanals in Flensburg stattfand. Stadtpastor Johannes Ahrens moderierte das Gespräch zwischen den Hotelinvestoren, vertreten durch Jan Duschkewitz und Ralf Hansen, sowie Dr. Helmreich Eberlein von der Bürgerintitiative Bahnhofsviertel und Hanna Poddig, Waldbesetzerin

Aufstellung des Deserteursdenkmal in Flensburg noch in diesem Jahr?

Bereits vor ein paar Wochen hatten wir im Rahmen der Bemühungen einer Initiative zur Aufstellung eines Deserteursdenkmal in Flensburg einen Leserbrief von Dr. Helmreich Eberlein veröffentlicht. Die AKOPOL-Fraktion unterstützt das Anliegen der beiden Sprecher der Initiative, Claus Kühne und Dr. Helmreich Eberlein, und plant gemeinsam mit anderen Ratsfraktionen einen Antrag im Kulturausschuss einzubringen, um noch in diesem Jahr die Aufstellung des Denkmals an einem öffentlichen Platz in Flensburg zu ermöglichen.

Am 8.2. 2012 erschien zum gleichen Thema ein ausführlicher und Artikel im Flensburger Tageblatt, den wir deshalb untenstehend dokumentieren:

Flensburger Tageblatt  vom 8.2.2012 Ein Denkmal, das keiner will

Flensburg

Ein Denkmal, das keiner will

Sie desertierten, um sich Kriegsverbrechen zu widersetzten. Jenen Soldaten wurde ein Denkmal gesetzt. Seit 18 Jahren steht es in einem Hinterhof. Die Initiatoren hoffen auf eine neue Chance.

Flensburg. Flensburgs am besten verstecktes Denkmal steht in einem Hinterhof an der Schleswiger Straße. Genauer: Hinter einer Ecke dieses Hinterhofs: Nicht einmal ein Spaziergänger, der sich zufällig in den Hof verirrt, würde es entdecken. Dabei ist das zwei Meter hohe Marmorrelief, das einen Soldaten mit zerbrochenem Gewehr zeigt, eigentlich gar nicht zu übersehen. Doch das Denkmal für Deserteure, die sich Kriegsverbrechen widersetzten, ist im Hof von Claus Kühne mittlerweile drauf und dran, volljährig zu werden. Seit fast 18 Jahren lehnt das Relief (…) an diesem Schuppen. (…)

Wieso Kühne dem Mahnmal Asyl gewährt hat? Der Kaufmann im Ruhestand gehörte zu der aus der Friedensbewegung entstandenen Flensburger Gruppe „Christen für die Abrüstung“, die das Denkmal 1994 in Auftrag gab. Die rund 12.000 Euro teure Arbeit war seinerzeit bestellt worden, nachdem die SPD im Rat ihre Zustimmung signalisiert hatte, das Deserteurs-Denkmal in der Stadt aufzustellen und zumindest schon die kleine Grünen-Fraktion den Beschluss mittragen wollte.

„Plötzlich standen die Grünen alleine mit dem Antrag da“

Doch dann müssen wohl die Bedenkenträger in der SPD die Überhand gewonnen haben, wie Kühne sich erinnert: „Plötzlich standen die Grünen ganz allein da mit dem Antrag, der ursprünglich von der SPD kam.“ Es gab jedenfalls eine engagierte Diskussion darüber, ob man für Deserteure ganz generell ein Denkmal aufstellen dürfe, also für jeden Fahnenflüchtigen: „Dann ist ein Arbeitskreis gegründet worden, wie man das eben so macht, wenn man nicht mehr weiter weiß“, sagt Uwe Lorenzen von den Grünen, heute dienstältester Ratsherr. Die Diskussion nahm jedenfalls den erwarteten Fortgang – sie verlief im Sande.

Stadt-Sprecher Clemens Teschendorf wies am Dienstag daraufhin, dass sich damals auch die Kunstkommission der Stadt mit der Deserteursfrage und der potentiellen Standortfrage beschäftigt habe – ohne positives Ergebnis für das Mahnmal. Heute, fast 20 Jahre später, wird über das Deserteursdenkmal viel weniger angestrengt diskutiert. „Es wurde ja präziste geäußert, dass es solche Deserteure gemeint sind, die sich verbrecherischem Handeln widersetzen“, sagt der Sprecher der Stadtverwaltung. Auch sei die Bundeswehr nach Teschendorfs Recherchen aufgeschlossener gewesen als seinerzeit manches Ratsmitglied. Und wenn aus dem Umfeld der vielbeachteten Ausstellung in der Bürgerhalle über die NS-Militärjustiz jetzt ein neuer Denkanstoß komme? Dann müsse der Weg nicht über die Verwaltung, sondern über die Politik eingeschlagen werden.

„Wir wollen eine Gedenkstätte für alle Opfer“

„Die Stadt weigert sich seit 1994, dem Deserteurs-Denkmal einen öffentlichen Platz zu geben. Angeblich gibt es keinen speziellen Bezug zu Flensburg“, kritisiert dagegen Helmreich Eberlein, einer der Initiatoren von damals. „Flensburg als letzte Reichshauptstadt trägt eine besondere Verantwortung“, findet auch Claus Kühne.

Die Befürworter der Aufstellung des Denkmals, für das zum Beispiel als Standort der I.C.-Möller-Platz vorgeschlagen wird, wollen das Erinnern bewusst nicht auf die Zeit der Nazi-Diktatur beschränken. „Noch heute werden Deserteure zurückgeschickt“, sagt Kühne. Man müsse sich nur an Serbien oder den Tschetschenien-Krieg erinnern. Kühne: „Wir wollen eine Gedenkstätte für alle Opfer.“

Leserbriefe:

Die Berichterstattung des Flensburger Tageblattes zum Deserteursdenkmal sorgt für ein lebhaftes öffentliches Echo. Aus diesem Grund möchten wir den AKOPOL-Blog-LeserInnen zwei Leserbrife die am 10.2. im Tageblatt erschienen, nicht vor enthalten:

Denkmal-Skandal

Zu: „Ein Denkmal, das in Flensburg keiner haben will“ (Ausgabe vom 8. Februar) und zum Leserbrief „Immer noch Unrecht“ (Ausgabe vom 17. Januar)

Dr. Eberlein schreibt in seinem Leserbrief vom 17. Januar, es sei ein Skandal, dass ein Denkmal, das für Deserteure in aller Welt geschaffen wurde, in Flensburg versteckt auf einem Hinterhof steht, weil die Stadt sich weigert, ihm einen öffentlichen Platz zu geben. Ich habe mich bei der Stadt erkundigt, und die Auskunft erhalten, dass die Stadt plant, ein zentrales Mahnmal für die Opfer des Naziregimes aufzustellen, und „dass wir dieses zentrale Gedenken nicht durch weitere Denkmäler aufweichen möchten.“ Das soll der Grund sein? Erst seit 1989 gibt es auf deutschem Boden keine Unrechtsurteile mehr, die gegen Menschen gefällt und vollstreckt wurden, die es in ihrem Staat nicht mehr ertragen konnten, und deren einziges Verbrechen in der „Republikflucht“ bestand. Darf an die Toten an der Mauer nicht erinnert werden, weil das Deserteur-Denkmal auch an die Opfer des Naziregimes erinnert? Auch die Deserteure aus den Balkankriegen und Tschetschenien, die sich weigerten, auf ihre eigenen Landsleute zu schiessen, sind es offenbar nicht wert, dass man ihrer gedenkt. Ebenfalls diejenigen nicht, die jetzt täglich den Unrechtstaaten, in denen sie leben, den Rücken kehren.

Soldaten der Bundeswehr dürfen heute nicht nur, sondern sie müssen sich sogar einem Unrechtsbefehl verweigern. Alle, die sich gegen Unrecht auflehnen, haben Anspruch auf unseren Respekt. Dass das Deserteur-Denkmal in Flensburg nicht aufgestellt werden darf, ist wirklich ein Skandal!

Heinz Kellermann, Flensburg

Es würde meiner Heimatstadt Flensburg gut zu Gesicht stehen, nach dem Idstedt-Löwen jetzt auch das bisher „versteckte“ Mahnmal zur Erinnerung an die vielen tausend in Nazi-Deutschland ermordeten Deserteure der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denn auch in Flensburg im letzten Winkel des „Dritten Reiches“ unter der Hitler-Nachfolgeregierung Dönitz sind Unrechtsurteile gesprochen und vollstreckt worden. Am Flensburger Hafen sollte sich eine geeigneter Standort finden lassen. Es bleibt zu wünschen, dass die Flensburger Ratsversammlung sich dieses auch heute noch aktuellen Themas annimmt und zu einer würdigen Entscheidung findet.

Dr. Hans-Werner Johannsen, Tarp

Deserteur-Denkmal:
Offen sein bei Standort

Zu: „Ein Denkmal, das in Flensburg keiner haben will“ (Ausgabe vom 8. Februar)

Für die Aufstellung des Denkmals für Deserteure muss eine Lösung gefunden werden. Der jetzige Zustand ist unwürdig, er ist eine Beleidigung für alle, die sich dem NS-Unrechtsregime entzogen oder widersetzt haben. Wir haben deshalb die moralische Verpflichtung, hier etwas zu tun. Der Standortdiskussion stehen wir offen gegenüber. Sie sollte sachlich, mit hoher Sensibilität und mit allen Beteiligten geführt werden. Klar ist: Ein „versteckter“ Standort geht nicht, er muss öffentlich zugänglich sein. Das, was an Standorten diskutiert wird (wie Friedhof Friedenshügel, Carlisle-Park, Gedenkstätte Ladelund) sind nur einige Möglichkeiten. Wichtig ist ein Standort im öffentlichen Raum.

Die Berichterstattung über die Diskussion der Vergangenheit bedarf einer Korrektur: Die SPD war es, die am 18. Mai 1995 einen Antrag an die Ratsversammlung stellte. Der Beschlussvorschlag wörtlich: „Die SPD-Ratsfraktion beantragt die Aufstellung eines Denkmals für die Opfer der Willkürjustiz, für Widerstandskämpfer und Deserteure im NS-Unrechtssystem.“ Zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsendes meinte die SPD, dass die Zeit gekommen sei, zu mahnen und nachdenkend zu handeln. Dem war nicht so: Bei 18 Ja-Stimmen von SPD und Grünen, 22 Nein-Stimmen von CDU und SSW sowie einer CDU-Enthaltung wurde der Antrag abgelehnt.

Der in der Berichterstattung erwähnte rot-grüne Antrag war eine vorherige Fassung, hatte noch weniger Durchsetzungschancen, wurde deshalb zurückgezogen und durch den hier zitierten ersetzt. Mahnen und erinnern – dieser Verpflichtung dürfen wir uns nicht entziehen.

Helmut Trost, SPD-Ratsherr

Endlich ein Deserteursdenkmal in Flensburg?

Angesichts der Ausstellung über die Nazi-Miltärjustiz in der Bürgerhalle des Flensburger Rathauses möchten wir den Blog-LeserInnen die untenstehenden Beiträge nicht vorenthalten
Im Übrigen unterstützen wir als AKOPOL-Ratsfraktion das Anliegen von Herrn Dr. Eberlein nach Aufstellung eines Deserteursdenkmal nicht nur für diejenigen, die sich dem Dienst in der Nazi-Wehrmacht während des II. Weltkrieges entzogen und Opfer der Militärjustiz wurden. Wir werden uns mit anderen Ratsfraktionen bemühen, über eine enstprechende politische Initiative die Aufstellung des Denkmals an einem öffentlich Platz noch in diesem Jahr zu erreichen. (Wer mehr zum Thema Deserteursdenkmäler in Deutschland wissen möchte, hier gibt´s mehr Informationen: http://www.pk-deserteure.at/index.php?id=49 )

Immer noch  Unrecht

Leserbrief zur Ausstellung „Was damals Recht war…“ und zum Artikel „Johann Süß’ letzte Fahrt nach Flensburg“ im  Flensburger Tageblatt (Ausgabe vom 12. Januar)

Am Dienstag, 10. Januar, wurde in der Bürgerhalle des Rathauses in Flensburg eine beeindruckende Ausstellung unter dem Titel „Was damals Recht war…“ eröffnet. Sie zeichnet die Unrechtsprechung der Wehrmachtsjustiz im Dritten Reich nach, die zigtausende Todesurteile fällte und vollstreckte gegen alle, die sich nicht verheizen lassen wollten für Hitlers Krieg, den sie als Verbrechen erlebt hatten oder den sie als aussichtslos erkannten. Am furchtbarsten sind die Todesurteile gegen Soldaten, die nach der Kapitulation einfach glaubten, der Krieg sei aus, und sie könnten nach Hause gehen. Während die NS-Größen sich hier im Polizeipräsidium gegenseitig falsche Pässe ausstellten und über die Grenze halfen, wurden diese kleinen Leute noch nach Kriegsende hier in Flensburg als Deserteure erschossen!

Heute erkennen wir alle, dass dies alles Unrecht war, dass die Deserteure Recht hatten und Hitlers Generäle einen Unrechtskrieg führten. Gott sei Dank sind die Wehrmachtsdeserteure seit 2002 endlich rehabilitiert. Aber in einer Hinsicht setzt Deutschland dasselbe Unrecht immer noch fort: Wenn Soldaten aus einem anderen Land, die sich nicht an einem Unrechtskrieg beteiligen wollen, zu uns fliehen, dann gelten sie hier immer noch als Verbrecher. Man verweigert ihnen grundsätzlich den Asylschutz und schickt sie zurück. Stellen Sie sich vor, ein syrischer Soldat, der sich weigert, auf seine demonstrierenden Landsleute zu schießen, würde es schaffen, hierher zu kommen: Er würde an Assad zurückgeschickt! So geschah es, als russische Soldaten nicht auf ihre Familien in Tschetschenien schießen wollten und als in den Balkan-Kriegen Soldaten der verschiedenen Parteien das Morden nicht mitmachen wollten und zu uns flohen. Wir machen uns zu Handlangern der Unrechtskriege, indem wir die Deserteure ihren Verfolgern ausliefern. Auch aus Flensburg.

Wussten Sie, dass es in Flensburg ein Denkmal für diese Deserteure gibt? Für die Wehrmachts-Deserteure und die heutigen, für alle, die sich nicht für einen verbrecherischen Krieg missbrauchen ließen. Leider steht es versteckt in einem Hinterhof. Die Stadt weigert sich seit 1994, ihm einen öffentlichen Platz zu geben. Angeblich gibt es keinen speziellen Bezug zu Flensburg.

Ich finde, das ist ein Skandal. Schauen Sie sich die Ausstellung an, dann wissen Sie, dass gerade Flensburg einen ganz besonderen Grund hat, aus der Unrechtsgeschichte zu lernen und dazu beizutragen, das heutige Unrecht gegen Deserteure zu beenden.

Dr. Helmreich Eberlein
Flensburg
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Bemerkenswerte Aktion von den Schülern der Goetheschule als Ergänzung zur neuen Ausstellung im Rathaus. In einem Punkt irrt der Autor des Artikels. Johann Süß und Asmus Jepsen wurden nicht auf dem heutigen Gelände des Walddorfes Tremmerup hingerichtet, sondern 200 Meter davon entfernt auf dem ehemaligen militärischen Schießgelände am Tremmerupweg, wo sich heute der Asmus-Jepsen-Weg befindet.

Klaus Thomsen
Tremmerupweg, Flensburg

Hier ist der oben zitierte Artikel Johann Süß’ letzte Fahrt nach Flensburg aus dem Flensburger Tageblatt zu finden: http://www.shz.de/nachrichten/lokales/flensburger-tageblatt/artikeldetails/article//johann-suess8217-letzte-fahrt-nach-flensburg.html

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