Schon wieder die Neustadt? – Klischees helfen nicht weiter!

Blick in die Neustadt mit der St. Petri Kirche – Foto: Jörg Pepmeyer

Flensburg liebt Dich? – Es braucht mehr Unterstützung für die Menschen in den sozialen Problemvierteln

Wieder einmal gerät die Flensburger Neustadt in den Fokus der öffentlichen Berichterstattung. Gestern abend kam es nach einer Meldung des shz zu einem Groß-Einsatz von polizeilichen SEK-Kräften in der Schwalbenstraße und der Festnahme eines Tatverdächtigen. Zuvor hatte es am späten Nachmittag eine heftige Auseinandersetzung an der Shell-Tankstelle in der Harrisleer Straße gegeben. Dort hatte eine Person nach Eintreffen von Polizeibeamten diese massiv bedroht und sich dann entfernt. Da die Beamten davon ausgingen, dass der Tatverdächtige möglicherweise Waffen in seiner Wohnung hatte, forderte die Flensburger Polizei die Hilfe von Spezialkräften des Landes an. Gegen 20 Uhr stürmte dann eine SEK-Einheit die Wohnung des Tatverdächtigen in der Schwalbenstraße und nahm in fest.

Dazu ein Kommentar von Jörg Pepmeyer

Dieser Vorfall ist außerordentlich bedauerlich, werden doch damit wieder Vorurteile über ein eh schon abgehängtes Flensburger Stadtviertel in der Öffentlichkeit bestätig. Das schlägt sich natürlich auch in den Kommentaren und Posts in den sozialen Medien wieder. Aber offensichtlich gibt es auch in der Kommunalpolitik und Verwaltung wenig Bemühungen die Probleme in den sozialen Brennpunkten Flensburgs, in der Neustadt und auf Duburg wirklich anzugehen. Während sich die wohlstandsverwöhnte Mittelschicht hinter „Lärmschutzwällen“ in Tarup, Tastrup und anderen Eigenheimgebieten verschanzt, bekommt sie vom „wahren“ Leben und den sozialen Problemen in der Neustadt natürlich nichts mit.

Seit über einem Jahrzehnt: Spekulativer Wohnungsleerstand und Verfall auf Duburg – Foto: Jörg Pepmeyer

Es ist nicht hinehmbar, dass die Neustadt und Duburg, wo ich bereits Jahrzehnte wohne, pointiert ausgedrückt, zur gesellschaftlichen Resterampe Flensburgs gemacht werden, ohne dass sich wirklich jemand um die Menschen kümmert, die systematisch ausgegrenzt werden und die anderswo keiner mehr haben will. Und wenn die dann  aufgrund ihrer prekären sozialen und psychisch schwierigen Situation irgendwann „ausrasten“, fällt das natürlich auf das ganze Viertel zurück. Mehr aufsuchende und unterstützende Soziarbeit in den sozialen Brennpunkten Flensburgs und den Kontakt mit den Nachbarschaften zu suchen, wäre vielleicht schon mal eine Maßnahme, um bereits im Vorfeld Derartiges zu verhindern und individuelle Hilfe anzubieten. Ebenso gilt das auch für die sich im Moment enorm verschärfende wirtschaftliche Situation vieler Menschen, der sie sich völlig ausgeliefert fühlen und die drigend Unterstützung brauchen.

Ich hatte diese Thema schon im Herbst letzten Jahres als Ausschussmitglied im Sozialausschuss der Stadt Flensburg angesprochen und ein personell und fachlich besser aufgestelltes Konzept für die aufsuchende Sozialarbeit in Flensburg angemahnt. Die meisten Ausschussmitglieder und die Verwaltungsleute haben aber gar nicht verstanden, was derzeit bei uns im Viertel und in der Neustadt passiert. Natürlich, sie wohnen da ja auch nicht, und sind mit diesen Problemen auch nicht direkt konfrontiert. Unglaublich peinlich war aber ein Kommentar einer Grünen-Vertreterin im Ausschuss, die deutlich machte, dass sie schlichtweg keinerlei Ahnung von der Problematik auf Duburg und in der Neustadt hat und gedanklich Lichtjahre von diesen Menschen entfernt ist. Auch sie wohnt natürlich nicht in einem der Viertel. Somit bleibt zu konstatieren, dass die Menschen in der Neustadt und auf Duburg faktisch keine Lobby haben.

Hausbesetzung im Herbst 2019 in der Burgstraße 36 auf Duburg – Foto: Jörg Pepmeyer

Es gibt natürlich auch ein grundsätzliches Problem, dass dies durch fehlende öffentliche und faire Berichterstattung über die Situation der Menschen auf Duburg und in der Neustadt  nicht ins Bewusststein der Entscheidungsträger dringt. Aufmerksamkeit gibt es erst, wenn wie vor 2 1/2 Jahren, eine Hausbesetzung in der Burgstraße auf Duburg stattfindet, bei der dann die Oberbürgermeisterin bei den Verhandlungen zur Befriedung des Konflikts auftaucht.  Bei dieser Hausbesetzung ging es auch um mehr Hilfe und Unterstützung für die Menschen im Viertel, die sich schlichtweg allein gelassen fühlen. Dies betrifft auch das Thema Gentrifizierung, der schlechte Zustand vieler Wohnungen, die Erhöhung der Mieten oder gar der drohende Verlust der Wohnung.

Die entsprechenden Zusagen wurden von der Stadt bis heute nicht eingelöst, lediglich für drei von Obdachlosigkeit betroffene Menschen wurde eine zufriedenstellende Lösung gefunden: https://akopol.wordpress.com/…/hausbesetzung-in-der…/ Regelrecht dümmlich und rechtsautoritär waren in dieser Hinsicht die öffentlichen Statements mancher Kommunapolitiker, die sich ebensowenig die Mühe machten, mit den Besetzern ins Gespräch zu kommen. Es zeigte aber auch, wie gespalten die Stadtgesellschaft in dieser Frage ist.

Aber wenn der Slogan „Flensburg liebt Dich!“ keine Worthülse sein und für aller Bürger dieser Stadt gelten soll, dann braucht es erheblich mehr Anstrengungen von Kommunalpoltik, Verwaltung und Stadtgesellschaft im Sinne einer umfassenden und gelebten Bürgersolidarität. Es wäre auch interessant zu wissen, wie sich die drei Oberbürgermeisterkandidatinnen und -kandidaten dieses Problems annehmen wollen, und auch die Kommunalwahl ist nicht mehr sehr weit weg.

Die klare Ansage lautet: Die Menschen nicht nur in den Problemvierteln unserer Stadt warten auf Taten!

Nachtrag vom 27.06.2022:

Neustadt kein soziales Problemviertel? – Daten und Zahlen zur sozioökonomischen Lage der Menschen in der Neustadt sprechen eine andere Sprache

Der obige Kommentar schlägt derzeit in den sozialen Medien hohe Welllen. In einem Kommentar auf Facebook behauptete LINKE-Ratsherr Frank Hamann sogar: „Die Neustadt ist KEIN Problemviertel!“ Er bezog sich dabei vor allem auf die Kriminalitätsstatistik, die derartige Aussagen nicht zulasse. Sein Anliegen zur Ehrenrettung der Menschen in der Neustadt ist verständlich, dennoch ist die Neustadt sehr wohl ein soziales Problemviertel, aber es geht dabei nicht um die Kriminalitätsstatistik. Das war auch nicht Zielrichtung des obigen Beitrags, die Neustadt oder Duburg als kriminellen Hotspot in Flensburg darzustellen.

Beide Viertel haben aber nachweislich und aufgrund der Datenlage mit tiefgreifen sozialen und ökonomischen Problemen zu kämpfen und vor allem mit einer hohen Armutsquote. Und jedes zweite Kind in der Neustadt wächst in einem Armutshaushalt auf. Der Anteil der Grundsicherungs. und Transferleistungsempfänger (SGB II, SGB III, SGB XII) ist in beiden Stadtteilen enorm hoch, gleichzeitig gibt es einen signifikanten Anstieg der Altersarmut. Das Pro-Kopf-Einkommen ist entsprechend niedrig, die Verschuldungsquote der Haushalte außergewöhnlich hoch.

Zusätzlich haben wir es in der Neustadt, wie auch auf Duburg mit einem hohen Altbauwohnungsbestand zu tun, viele dieser Wohnungen sind in einem schlechten baulichen Zustand.

Dazu kommt ein hoher Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten in den beiden Stadtvierteln.

Eine Melange, die ebenso verbunden ist mit negativen psychosozialen Folgen für die Menschen und entsprechenden Konflikten in den Nachbarschaften. Und genau deshalb braucht es mehr praktische und ideelle Unterstützung dieser Menschen durch Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.

Mehr zu den Daten der Neustadt und Duburg auch im Flensburger Sozialatlas 2021

Über akopol

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Veröffentlicht am 26. Juni 2022, in Bürgerbeteiligung, Bildung, Daten und Zahlen, Flensburg News, Hartz IV, Inklusion und Integration, Rat & Ausschüsse, Soziales. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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