Volkstrauertag: Gedenken an die Opfer von Faschismus und Krieg in Flensburg

Stilles Gedenken am Denkmal vor dem Polizeipräsidium und Deserteursdenkmal

Ein Beitrag von Jörg Pepmeyer mit Fotos von Ulla Vonberg

Mehr als 20 Menschen folgten am heutigen Sonntag dem Aufruf der Deutschen Friedengesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) zum Gedenken an die Opfer von Faschismus und Krieg in Flensburg. Start war am sog. Hebroni-Denkmal am Polizeipräsidium, das während der Nazizeit auch Gestapo-Gefängnis war. Das nahm Ludwig Hecker von der VVN zum Anlass in seinem Beitrag vor allem die letzten Tage des Krieges in Flensburg zu beleuchten. Führende Nazis, Kriegsverbrecher und KZ-Schergen hatten in den letzten Kriegstagen Unterschlupf in Flensburg gefunden und nicht wenige hochrangige Nazis hofften nun über die sog. „Rattenlienie Nord“ mit falschen Papieren und neuen Identitäten ihre Flucht aus Deutschland vorbereiten zu können. Währenddessen ließ die letzte NS-„Reichsregierung“ unter Führung von Großadmiral Karl Dönitz in Flensburg selbst noch nach der Kapitulation Offiziere und Soldaten hinrichten, die sich weigerten, weiterhin der Nazi-Wehrmacht zu dienen.

In der Großen Straße 15,  wo sich bis Februar 1933 das KPD-Büro befand, wurde ebenfalls mit einem Redebeitrag von Ludwig Hecker Oskar Reincke gedacht. Reincke war Leiter des KPD-Unterbezirks Flensburg und Stadtverordneter. Er wurde am 13. März 1933 von den Nazis verhaftet und bis 1935 in verschiedenen Konzentrationslagern gefangengehalten.  Nach seiner Haft schloss er sich 1939 dem Hamburger Widerstand und ab 1941 der Widerstandsgruppe Bästlein-Jacob-Abshagen an. Er wurde deshalb wegen Hochverrat angeklagt, zum Tode verurteilt und von den Nazis im Gefängnis Hamburg Holstenglacis am 10.7.1944 enthauptet. Ebenfalls gedacht wurde Heinrich Lazarus, der im Haus Große Str. 15 wohnte, als Jude deportiert und in Auschwitz am 5.12.1942 ermordert wurde. Für beide hat der Kölner Künstler Gunter Demnig jeweils einen Stolperstein mit den wichtigsten Lebensdaten vor dem Haus im Pflaster der Großen Straße verlegt.

Anschließend versammelten sich die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung vor dem Deserteursdenkmal in der Roten Straße – Platz der Gärtner. Hier machte Siglinde Neher von der DFG-VK in ihrem Beitrag deutlich, dass die Verweigerung des Kriegsdienstes ein essentielles Menschenrecht darstelle, das aber selbt heute in vielen Ländern der Welt als solches nicht betrachtet werde. Beschämend ist, wie Siglinde Neher berichtete, dass denjenigen die sich geweigert hatten, als Soldaten am völkermordenden Krieg der Nazis teilzunehmen und die dafür hart bestraft wurden, nach Kriegsende eine Rehabilitierung in der jungen Bundesrepublik verweigert wurde. Nach Angaben der Bundesvereinigung „Opfer der NS-Militärjustiz“ wurden rund 30.000 Deserteure, Verweigerer und „Kriegsverräter“ durch NS-Richter zum Tode verurteilt. Etwa 20.000 wurden hingerichtet. Erst im Jahr 2002 beschloss der Bundestag auch die pauschale Rehabilitierung von Deserteuren, nachdem er zuvor 1998 alle Unrechtsurteile der NS-Militärjustiz aufgehoben hatte.

Mit der Rezitation des Antikriegsgedichts von Astrid Lindgren: Wäre ich Gott endete die Veranstaltung am Deserteursdenkmal.

Fotos: Ulla Vonberg

 

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Veröffentlicht am 14. November 2021, in Bürgerbeteiligung, Bildung, Daten und Zahlen, Flensburg News, Kultur, Soziales. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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