Flensburg liebt uns!

Foto: Pay Numrich

Ein Beitrag von Simon Hilpert

Wir in Flensburg haben doppeltes Glück: Erstens, Flensburg liebt uns – und das soll schon was heißen! Zweitens, Flensburg hat über 7 Millionen Euro geschenkt bekommen, um einen unserer Parks zu verschönern. Endlich, denken wir erleichtert und erinnern uns an zahlreiche Gespräche zurück: „Ah, der Park da oben am Museumsberg, gerne würde ich dort Zeit verbringen, aber so viel Grün überall und außerdem versperren Bäume die Sicht – da muss erstmal was passieren!“ Lange sehnten wir uns nach Granitflächen, um mit unseren Liebsten zu Picknicken, Frisbee zu spielen, ein Nickerchen zu machen, ein gutes Buch zu lesen, oder was Leute halt sonst so in Parks üblicherweise tun. Gut, Menschen im Einfamilienhaus haben einen Garten, sind auf Parks nicht angewiesen und lesen meist zu Hause – aber die Leute in den Wohnungen, die brauchen so was. Außerdem sind da ja auch noch die Touris. Die wollen es sauber im Park. Wer hat schon bei der Shoppingtour eine Decke dabei, um sich bei einer wohlverdienten Pause vor dem dreckigen Boden zu schützen. Mit Mutterboden am Hinterteil macht der Restaurantbesuch am Abend nur halb soviel Spaß. Also, die Sache war schnell klar: Das Grün, und mit im das ganze Ungeziefer, muss weg!

Dabei scheint durch: im Rathaus gibt es ein ausgeklügeltes Gesamtkonzept der Stadtplanung. Denn, alle wissen, mit neuem Parkdesign ist der nächste Touri-Ansturm nicht weit. Das passende Hotel dafür, verkehrstechnisch ideal direkt am Bahnhof gelegen, ist schon in Umsetzung. Wer jetzt meint: „Ja aber, die Touris kommen doch oft gar nicht mit der Bahn sondern mit dem Automobil. Und was wenn  der Bahnhof, trotz aller noch so soliden Gegenargumente, bei dem nächsten Geldsegen doch ins Zentrum wandert?“, hat aufgepasst. So auch die clevere Stadtplanug, die voraus denkt, denn das Parkhaus am Hotel wurde gleich passend mitbestellt. Automobil-freundliche Planung, die dem lästigen Klimawandel ein großes ‘Fuck-You‘ entgegen schreit, ist schließlich keine rein süddeutsche Fähigkeit, sondern wird auch in Schleswig-Holstein sicher beherrscht. Und wenn wir uns bei etwas einig sind, dann dabei: Klimawandel nervt! Gut also, dass das grün-links versiffte Pack noch rechtzeitig aus den Bäumen und dann vom Grundstück des ehemaligen Bahnhofswalds gezerrt wurde. Schnell die Bäume umgehauen – sicher ist sicher. Eh man sich versieht, siedelt sich alles, was mit aller Mühe aus dem Park vertrieben wurde, noch im nächsten Gehölz an. Nicht auszumalen, wenn das Gezwitschere, Geflatter, Gehüpfe und Gekrieche weiterhin die friedliche Ruhe der Stadt zerreißt – vom Dreck des Herbstlaubs ganz zu schweigen!

Nur ein Problem bleibt bestehen: die ewigen Mahner und Gutmenschen, die ja –  nachdem ihre provisorischen Hüttchen im Wald niedergerissen wurden – eine neue Beschäftigung brauchen.  Ihr  Genörgel schallt weiter über die Dächer der Stadt: „Was bringt denn so ein Hotel den Menschen in Flensburg überhaupt?“  Dabei wird übersehen: Das Hotel bietet Arbeitsplätze für die Menschen aus den oft so kleinen Wohnungen. Sehr gut, das trifft sich. Erstens kommt man dann mal raus und zweitens gibt es viel zu tun: Betten beziehen und Staubsaugen, Klos putzen und Essen kochen. Ob der Job dabei für die Miete reicht, ist nicht so wichtig. Die zahlt ja ohnehin das Amt, weil aufgestockt werden muss. Noch ein Geschenk! Außerdem ist da ja noch die Rendite, die im Fall des Hotelbaus auch in der Region bleibt. Wie üblich, natürlich bei denen die sie am nötigsten brauchen. Genau wie im neuen sterilen Park wird dann auch dort nach getaner Arbeit gegrillt. Kein Gemüse, sonst beschwert sich die Ärztin wieder über niedrige Cholesterinwerte. Nein, im ebenso sterilen Rhodedendron umsäumten Garten des großzügig dimensionierten Einfamilienhauses kommt natürlich Steak auf den Grill – und warum auch nicht? Schließlich wäre niemandem geholfen, wenn der Regenwald ganz umsonst zur Soja-Plantage umgestaltet wurde. Richtig. Und da schließt sich der Kreis: Egal ob im Park in Flensburg oder in Südamerika, die Bäume müssen weg.

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Veröffentlicht am 5. März 2021 in Ökologie, Bahnhofswald, Bahnhofswald Flensburg, Bürgerbeteiligung, Flensburg News, Kultur, Rat & Ausschüsse, Soziales, Stadtplanung, Wirtschaft und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Genau das! Jetzt leuchtet es ein. Flensburg hat Geld! Deswegen kann es sich auch einen „Klima“pakt leisten, bei dem sich teure Vorzeigeprojekte ausgedacht werden müssen, damit man die bereits vorhandende (und weitaus mehr leistende) Natur weiter auslöschen kann. Langsam macht alles Sinn.
    Ich freue mich, dass das kleine Schild, das ich noch schnell wütend gemalt hatte, für das ich viel zu viel Text und viel zu wenig Pappe und Stifte hatte, einen kleinen Beitrag zu diesem interessanten Artikel leisten darf 🙂

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  2. Danke lieber Herr Hilpert,

    wunderbarer, pointierter Brief. Ich übernehme jeden Gedanken und jede Spitzfindigkeit mit Wonne.

    „… das grün-links versiffte Pack noch rechtzeitig aus den Bäumen“ – keine Angst, ich weiß, dass Sie nur einen dumpfbackigen Autor wiedergeben – aber grün war nicht am Bahnhofswald!
    Die malten vllt. gerade neue Schilder mit gelben Sonnenblumen für ihr „ Archiv der Erinnerungen“ – nun, ein bisschen schwarze Farbe ist schon eingemischt

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