Grüner Wasserstoff als goldener Weg der Flensburger Energiewende?

Energie-Puzzle – Grafik: CC by oemof-developer group

Ein Beitrag von Simon Hilpert & Jonas Lage

Das Thema Wasserstoff (H2) wird von verschiedenen Initiativen und Akteur*innen im Zuge der Diskussion um die Zukunft der Strom- und Wärmeversorgung der Stadtwerke Flensburg immer wieder auf den Tisch gebracht. Die Diskussionen werden seit dem Jahr 2020 zudem durch die verkündete nationale Wasserstoffstrategie[1] der Bundesregierung befördert. Von zivilgesellschaftlichen Initiativen, wie dem Verein Erneuerbare Energien & Speicher e. V., wird grüner Wasserstoff schon länger als ein Lösungsansatz für eine klimafreundliche Flensburger Fernwärmeversorgung befürwortet. Die Idee: es könne lokaler Überschussstrom, der aufgrund von Netzengpässen anfällt, sinnvoll genutzt werden. Und auch die Stadtwerke Flensburg haben bei der neuen Gas- und Dampfturbinen (GUD)Anlage in wasserstofffähige Gasturbinen investiert, um in Zukunft auch Wasserstoff statt Erdgas einsetzten zu können.

Nun ist im Dezember 2020 eine Studie im Auftrag von Greenpeace Energy mit dem Titel „Grün oder Blau? Wege in die Wasserstoffwirtschaft 2020-2040[2] veröffentlicht worden. In dieser Studie wird die zukünftige Nutzung von Wasserstoff aus ökologischer und wirtschaftlicher Perspektive analysiert. Die Studie zeigt, dass sogenannter „grüner“ Wasserstoff – hergestellt durch Elektrolyse von Wasser mit erneuerbarem Strom – sowohl aus Kosten- als auch Klimaschutzgesichtspunkten  „blauem“ Wasserstoff – in der Regel hergestellt aus Erdgas mit nachgelagerter CO2 Speicherung – überlegen ist. Für uns ist die Studie ein Anlass, die Zukunft von Wasserstoff in Flensburg noch einmal unter die Lupe zu nehmen.

Wasserstoff – die Zukunftstechnologie für Strom- und Wärmewende?

Grüner Wasserstoff ist knapp und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben, da das inländische wirtschaftliche und technische Potential begrenzt ist. Konsequenterweise kommen viele Studien zu dem Schluss, dass Wasserstoff vorwiegend dort eingesetzt werden sollte, wo keine Alternativen zur Verfügung stehen und ein hohes CO2-Minderungspotential besteht. Dazu zählen u.a. die Bereitstellung von Prozessdampf in der Chemieindustrie, die CO2-neutrale Eisenerzreduktion  in der Stahlindustrie sowie der Schwerlastgütervekehr. Die Strom- und Wärmeversorgung stehen in diesen Studien in der Regel nicht an erster Stelle. Allerdings entwickelt eine Studie[3] der Agora Energiewende aus dem November 2020 Szenarien, nach denen im Jahr 2050 durchaus 156 TWh H2 zur Produktion von Strom und Fernwärme eingesetzt werden. Gleichzeitig, so nimmt die Studie an, beläuft sich der Import von H2 im Jahr 2050 auf 184 TWh. Von wo dieser Wasserstoff importiert wird, steht nicht fest, zumal andere westliche Industrieländer vor genau demselben Problem des hohen Energiebedarfs bei begrenzten einheimischen Ressourcen stehen dürften.

Anders als die Studie von der Agora Energiewende, hat die Bundesregierung schon Ideen, wo der Wasserstoff herkommen könnte: aus Afrika. Unlängst hat der Afrikabeauftragte der Bundesregierung den Kongo als möglichen Produzent für Wasserstoff für Deutschland ins Spiel gebracht[4], schon zu Beginn des vergangenen Jahres, hatte Entwicklungsminister Müller ein Wasserstoffabkommen mit Marokko angebahnt[5].  Diese Logik ist schon lange bekannt: Der Ressourcenhunger der reichen Länder des Globalen Nordens soll durch Ausbeutung von Ressourcen vornehmlich in Ländern des Globalen Südens gestillt werden. Ermöglicht wurde dies früher durch Beherrschung und Ausbeutung von Kolonien, heutzutage durch ungleiche Machtverhältnisse auf dem Weltmarkt. Ein solcher Import von Energie lagert die Kosten unserer Lebensweise im Globalen Norden aus und schreibt damit koloniale Ungerechtigkeiten und Ausbeutung fort.

Darüber hinaus spricht auch die praktische Erfahrung mit derartigen internationalen Großprojekten im Energiebereich gegen diese Strategie. So etwa das an kulturell-politischen und techno-ökonomischen Herausforderungen gescheiterte DESERTEC Projekt, bei dem Strom aus der MENA Region (Middle East & North Africa) nach Europa importiert werden sollte. Auch hier gab es seinerzeit schon massive Kritik aufgrund der Auslagerung von Kosten, der Ausnutzung und Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse.

Als weiteres Argument spricht der Klimaschutz selbst gegen Wasserstoff als Schlüsseltechnologie für die (Flensburger) Wärmewende: Der Fokus auf Wasserstoff führt zur weiteren Nutzung von Gas in der Übergangsphase bis ausreichend Wasserstoff zur Verfügung stehen könnte, wodurch zusätzliche CO2 Emissionen verursacht werden. Mit diesen kumulierten Emissionen ist mit Blick auf das verbleibende CO2-Budget davon auszugehen, dass Flensburg seinen Beitrag für die Erreichung des 1.5 °C Ziels deutlich verfehlen würde. Berechnungen hierzu, die am Zentrum für nachhaltige Energiesysteme der Univerität Flensburg angefertigt wurden, befinden sich aktuell im Veröffentlichungsprozess.

Was heißt das für die Strom- und Wärmeversorgung in Flensburg?

Angesichts der stark wachsenden Nachfrage nach Wasserstoff hebt die Greenpeace Studie hervor, dass dieser aus Kosten- und Klimagesichtspunkten erst nach (in dieser Reihenfolge) Suffizienz-, Effizienz- und Elektrifizierungsmaßnahmen eingesetzt werden sollte. Konkret für Flensburg könnte diese Priorisierung der Maßnahmen der Greenpeace Energy Studie folgendes bedeuten:

  • Suffizienz: Forderung der Reduktion von Wohnflächen pro Kopf, da in den vergangenen fünf Jahrzehnten die Wohnfläche pro Kopf um 250 Prozent gestiegen ist und damit alle Effizienzgewinne durch bessere Dämmung zunichtegemacht worden sind. Dies kann z.B. durch die Begrenzung von Neubaugebieten für Einfamilienhäuser bei einer gleichzeitigen Förderung gemeinschaftlicher Wohnprojekte – etwa durch Konzeptvergaben – geschehen. Eine soziale Wohnraumförderung im Bestand, wie es sie beispielsweise in Tübingen gibt, könnte dazu beitragen bestehende Wohnfläche besser auszunutzen und sozial verträglichen Wohnraum zu schaffen.
  • Effizienz: Energetische Sanierungen sollten auch in Flensburg vorangetrieben werden. Dabei ist es wichtig von den Stadtwerken Flensburg Strategien einzufordern, wie das Fernwärmenetz mit der höchsten Anschlussdichte in Deutschland auch bei einem stark reduzierten Wärmebedarf ökonomisch und ökologisch sinnvoll betrieben werden kann – oder eben auch nicht. Möglicherweise hat die Fernwärme, wie wir sie jetzt kennen, dann auch keine oder nur eine eingeschränkte Zukunft in Flensburg? Gerade bei einer großen Infrastruktur mit langfristigen Investitionen ist die fehlende langfristige Strategie der Stadtwerke hoch problematisch. Hier blindlings allein auf Wasserstoff zu setzen verlagert das Problem nur, anstatt es zu lösen.
  • Elektrifizierung als Alternative: Großwärmepumpen, genutzt in Zeiten hoher Wind- und PV-Erzeugung und damit korrespondierenden niedrigen Börsenpreisen, könnten schon vor 2030 dazu beitragen, die Emissionen der Stadtwerke zu senken. Aus Perspektive des deutschen Stromsystems haben wir in Flensburg an der Küste einen Vorteil, da wir das Wasser als Wärmequelle nutzen können. Anderen Städten in Deutschland steht eine solche Wärmequelle für Wärmepumpen wie die Förde nicht zur Verfügung. Solidarisch und systemisch kosteneffizient wäre es daher, sich diesen Vorteil zu Nutze zu machen, um die begrenzten Wasserstoffmengen, für Spezialanwendungen oder in Sonderfällen auch für die Wärmeversorgung für andere Stadtwerke in Deutschland frei zu machen.

Die Aufgabe für die Stadtwerke Flensburg ist zugegebener Maßen eine große techno-ökonomische und soziale Herausforderung. Daher ist es wichtig, dass sich zivilgesellschaftlichen Initiativen wie beispielsweise Bündnis Fossilfreies Flensburg, Aktionsgruppe Klima oder Fridays for Future weiter kritisch mit den Plänen der Stadtwerke auseinandersetzen und sich in die Debatte einschalten. Im Hinblick auf den Klimaschutz ist Wasserstoff zur Strom- und Wärmeproduktion in Flensburg allerdings weder global sozial gerecht noch systemisch sinnvoll. Natürlich kann ein kleiner Teil für Spitzenlastzeiten oder sogenannte Dunkelflauten auch in wasserstofffähigen Gasturbinen verwendet werden. Als grüner, zukunftsfähiger Hauptenergieträger der Stadtwerke Flensburg sollte Wasserstoff allerdings nicht verstanden werden. Im Gegenteil: die alleinige Fokussierung auf Wasserstoff behindert aus unserer Sicht eine konstruktive Debatte über sinnvolle Lösungsansätze zur Transformation hin zu einer langfristig klimaneutralen Flensburger Energieversorgung, die eine Reduktion des Energieverbrauchs sowie alternative Technologien einschließt.


[1]  https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Energie/die-nationale-wasserstoffstrategie.html

[2]  https://www.greenpeace-energy.de/fileadmin/docs/pressematerial/2020_Studie_Gruen_oder_Blau_final.pdf

[3]  https://static.agora-energiewende.de/fileadmin2/Projekte/2020/2020_10_KNDE/A-EW_195_KNDE_WEB_V111.pdf

[4]  https://taz.de/Energiewende-auf-Kosten-Afrikas/!5717316/

[5] https://www.wiwo.de/politik/deutschland/csu-entwicklungsminister-mueller-will-wasserstoff-produktion-mit-marokko-aufbauen/25544390.html

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Veröffentlicht am 4. Februar 2021 in Ökologie, Bildung, Daten und Zahlen, Flensburg News, Stadtplanung, Stadtwerke, Stadtwerke Flensburg, Wirtschaft und mit , , , , , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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