Für den Erhalt des Flensburger Bahnhofswaldes: Offener Brief von Waldforscher Prof. Dr. Pierre L. Ibisch

Der Flensburger Bahnhofswald aus der Vogelperspektive – Foto von Bernd Schütt

Der Buten-Flensburger Prof. Dr. Pierre L. Ibisch hat einen Offenen Brief an die Bürgerinitiative Bahnhofsviertel, die Verteidiger*innen des Flensburger Bahnhofswaldes und die Bürger*innen der Stadt Flensburg geschrieben, in dem er sich vehement für den Erhalt des Flensburger Bahnhofswaldes einsetzt. Ibisch, der in Flensburg aufwuchs, machte am Alten Gymnasium sein Abitur. An der Universität Bonn studierte er anschließend Biologie mit den Prüfungsfächern Botanik, Zoologie und Physik. Von 1993 bis 1996 promovierte er in Bonn mit einer Arbeit zu den Aufsitzerpflanzen Boliviens mit dem Titel Neotropische Epiphytendiversität – das Beispiel Bolivien. Er ist ein Schüler des Botanikers und Makroökologen Wilhelm Barthlot Seit 2004 ist Ibisch Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und gilt als international renommierter Experte im Berich der Waldforschung.  Seine fachlichen Schwerpunkte sind globaler (Umwelt)-Wandel und Naturressourcenmanagement (unter anderem Entwicklung von Anpassungsstrategien, nachhaltige Entwicklung und globaler Wandel), Naturschutz, Biodiversität und Waldökologie. Langjährig war er in der landschaftsökologischen und naturschutzfachlichen Forschung in Südamerika tätig.

 

Prof. Dr. Pierre L. Ibisch
Centre for Econics and Ecosystem Management
Fachbereich für Wald und Umwelt
Alfred-Möller-Str. 1
16225 Eberswalde

Professor für Naturschutz
Professor for Nature Conservation

Forschungsprofessur / Research professorship
Ecosystem-based sustainable development
Ökosystembasierte nachhaltige Entwicklung

Tel. 03334/657178
e-mail pibisch@hnee.de
http://www.centreforeconics.org

An die
Bürgerinitiative Bahnhofsviertel
die Verteidiger*innen des Flensburger Bahnhofswaldes
die Bürger*innen der Stadt Flensburg

                                                                                                                                                  10. Dezember 2020

Liebe Flensburger Waldfreund*innen,

ich habe das Privileg gehabt, in meinem Leben viele Wälder auf den verschiedenen Kontinenten bereisen und erforschen zu können. Dazu gehörten vor allem die Wälder Amazoniens oder der südamerikanischen Anden, aber genauso auch boreale Wälder Russlands oder die europäischen Buchenurwälder. Es war mir bereits vergönnt, mich für Millionen Hektar umfassende Schutzgebiete einsetzen zu dürfen, ein grenzüberschreitendes Biosphärenreservat im Altai-Gebirge mitzubegründen oder Wäldern in verschiedenen Ländern Europas zum UNESCO-Weltnaturerbestatus zu verhelfen. In letzter Zeit habe ich mich mit Mitarbeiter*innen für die Erhaltung des Hambacher Forsts oder des Dannenröder Forsts eingesetzt, wir werben u.a. für die pflegliche Behandlung des ältesten Buchenwaldes Deutschlands, die Heiligen Hallen in Mecklenburg-Vorpommern oder des Leipziger Auwaldes. In ganz Deutschland kämpfen wir für eine Waldwende und einen ökosystembasierten Umgang mit den geschädigten Waldflächen, die unter Klimawandel und Forstwirtschaft leiden.

So viele Wälder, unermessliche Werte, so viele Sorgen. Die große Ökosystemvergessenheit bewirkt, dass wir Wälder übernutzen, zerschneiden, zerstören und überbauen. Weltweit leiden Wälder, verbrennen, vertrocknen und kollabieren. Es geht um große Flächen, es geht um viel. Kommt es da auf ein paar Bäume mehr oder weniger noch an, wenn sie doch dem menschlichen Fortschritt im Wege stehen?

Unbedingt!

Letztlich sind es überall mehr oder weniger kleine lokale Entscheidungen: Hier müssen Bäume für einen Acker weichen oder für die Herstellung von Papier, dort müssen sie Platz machen für einen Tagebau, eine Autobahn, eine neue Tesla-Fabrik – oder ein Hotel. Die vielen kleinen Entscheidungen gegen die Natur und gegen die Wälder tragen zum beschleunigten und globalisierten Verlust der biologischen Vielfalt und der Regulationsfähigkeit unserer Biosphäre bei. Die vielen kleinen Scharmützel allüberall sind am Ende unser Krieg gegen die Natur und unsere Lebensgrundlagen. Das klingt pathetisch, und das ist es auch. Ich habe die Wälder der Erde erleben dürfen – in Süd- und Nordamerika, in Europa, Asien und Afrika. Und nur in wenigen Gebieten geht es den Wäldern gut.

Die Sorge um die Natur und die Wälder ließen mich von Flensburg aus aufbrechen, um Biologie zu studieren, auf Forschungsreisen zu gehen, Ökologe und Naturschützer zu werden. Dennoch und gerade deshalb berührt mich in besonderem Maße, wie meine Geburtsstadt Flensburg im waldärmsten Flächenland Deutschlands mit den kleinen Waldrelikten umgeht, die geblieben sind. Die Marienhölzung ist zu einem ausgeholzten Park verkommen, und kleine Waldinseln wie der Bahnhofswald werden nicht einmal als Wald wahrgenommen.

Es ist völlig richtig, anderswo – und ich war daran beteiligt – versucht man, Wald wieder aufzuforsten. Und es fällt sehr schwer. Es ist viel schwerer etwas gutzumachen, als etwas zu zerstören. Man bemüht sich um die Anlage kleiner neuer Gehölze, um der Natur zu helfen, und vor allem auch den Menschen. In den Städten schwillt der Diskurs zur ökosystembasierten Klimawandelanpassung an.

Wir selbst haben mit unserer Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde in Brandenburg ein Projekt der Deutschen Klimawandelanpassungsstrategie mit der Stadt Bernau bei Berlin durchgeführt. Dort ging es darum, gemeinsam mit der Stadtverwaltung und für und mit Bürger*innen zu erfassen, wie die Stadt zur Kühlung und Wasserrückhaltung beitragen kann. Wir konnten wissenschaftlich zeigen, wie Baumgruppen und kleine Gehölzinseln zur effektiven Kühlung der Stadt beitragen. Das ist nicht neuartig – weltweit gibt es entsprechende Studien und Bemühungen um naturbasierte Lösungen zu Verbesserung des Stadtklimas. Im Falle von Bernau hat sich die Stadt im Rahmen des Projektes zu einer Leuchtturmmaßnahme entschieden. Der Bürgermeister macht sich persönlich für die Idee stark. Ausgerechnet vor dem Bahnhof der Stadt (!) soll der Vorplatz entsiegelt und begrünt werden. Er ist im Laufe der Zeit zu einem der heißesten Orte geworden – nunmehr muss repariert werden, was zuvor zerstört wurde.

In diesem Jahrhundert werden vielerorts Menschen ihre Altvorderen dafür verfluchen, dass sie nicht die Wälder bewahrten, dass sie die natürlichen Ressourcen zu sorglos abwirtschafteten und wissenschaftliche Fakten ignorierten, um kurzfristige Vorteile zu erzielen.

Ich danke den Bewahrer*innen des Flensburger Bahnhofswaldes und sende einen Gruß der Solidarität und der Unterstützung. Ich habe schon viele Wälder gesehen, aber der Flensburger Bahnhofswald gehörte zu meinen ersten, damals als meine Mutter mich im Kinderwagen an den Bäumen vorbeischob, die jetzt über ein halbes Jahrhundert älter geworden sind … und denen nun ein jähes Ende droht in ihrem jugendlichen Alter.

Der Wald wird uns immer knapper, Wald ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Es gilt für die Relikte entschieden zu kämpfen, es ist soweit.

Herzliche Grüße und danke
Prof. Dr. Pierre Ibisch

Den Brief gibt es im Original hier zum Download

UnterstützerInnen für Mahnwache gesucht

Für die Mahnwache am Bahnhofswald suchen die Bürgerinitiative Bahnhofsviertel und die WaldbesetzerInnen noch UnterstützerInnen. Wer also Lust hat, sich stundenweise an der Mahnwache zu beteiligen, melde sich bitte am Infostand auf dem Parkplatz am Bahnhofswald.

Kontakt zu den Aktivist*innen der Waldbesetzung: rodung@nirgendwo.info

Twitter: @boomdorp

Bürgerinitiative Bahnhofsviertel Flensburg: https://bahnhofsviertelflensburg.wordpress.com/

Weitere Infos und Beiträge zum Thema Hotel- und Parkhausprojekt am Flensburger Bahnhofswald auch hier

Über akopol

Netzwerk für mehr Öffentlichkeit, Transparenz und Demokratie in Flensburg

Veröffentlicht am 11. Dezember 2020 in Aufrufe, Ökologie, Bahnhofsviertel, Bahnhofswald Flensburg, Bürgerbeteiligung, Bildung, Daten und Zahlen, Flensburg News, Kulturtipps, Soziales, Veranstaltungstipps, Wirtschaft und mit , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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