Besetzung des Bahnhofswalds: Scharfe Kritik an der Berichterstattung der Tagespresse

Protestplakate am besetzten Bahnhofswald – Foto: Jörg Pepmeyer

Leserbrief von Wolfgang Weirauch zum Artikel „Baumbesetzer sollen das Feld räumen“ vom 22.10.20 und dem „Fördeschnack“ vom 24.10.20 in den Flensburger Nachrichten

Flensburg, 24.10.20

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Woche ereignete sich eine Ungeheuerlichkeit im Flensburger Journalismus, die an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist. Am Mittwoch, dem 21. Oktober, gab es ein Vermittlungsgespräch zwischen den Investoren für das geplante Hotel im Bahnhofswald und Vertretern der Bürgerinitiative Bahnhofswald im Studio des Offenen Kanals Flensburg. Bereits vor dem Gespräch hatten die Investoren Duschkewitz und Hansen eine Pressemitteilung in ihrem Sinne über dieses Vermittlungsgespräch verfaßt und an das Flensburger Tageblatt wie auch an Flensborg Avis übermittelt.

Bereits sechs Minuten nach Beendigung des Vermittlungsgesprächs stand diese Mitteilung auf shz-online und am nächsten Tag in den beiden Print-Medien Flensborg Avis und Flensburger Nachrichten – vom Inhalt weitgehend identisch und von verschiedenen Personen der zwei Zeitungen verfaßt. Sowohl die Redakteurin der Flensburger Nachrichten wie auch der Redakteur von Flensborg Avis waren nicht beim Gespräch im Offenen Kanal anwesend und können diese Artikel nicht geschrieben haben.

Ob die beiden Redakteure überhaupt davon in Kenntnis gesetzt wurden, dass man in ihrem Namen Pressemitteilungen veröffentlicht, können nur sie selbst beantworten. Auf jeden Fall ist das insgesamt ein ungeheuerlicher Vorgang und zugleich eine Bankrotterklärung für eine freie Presse und einen unabhängigen Journalismus.

Wie fühlt man sich eigentlich als Redakteurin oder Redakteur einer Zeitung, wenn Artikel mit dem eigenen Namen unterzeichnet werden, die man nicht selbst verfaßt hat?

Diesen Vorgang greift nun Annika Kühl – die für die Flensburger Nachrichten ihren Namen hergeben mußte oder (nachträglich) hergegeben hat – im „Fördeschnack“ der Flensburger Nachrichten vom 24.10.20 auf. Zwar geht sie nicht explizit auf besagte Pressemitteilung der Bahnhofswald-Investoren ein, aber sie kritisiert die Einstellung der Vertreterinnen und Vertreter der Bürgerinitiative Bahnhofswald mit folgenden Worten:

„Bekannter Weise kann es dabei nur eine einzige richtige Darstellung geben. Und gnade Gott, das Dargestellte deckt sich nicht mit der eigenen Meinung. Dann kann es sich nur um unkritische, korrupte Presse handeln. Weiß ja jedes Kind. Vielleicht noch nicht jedes Kind weiß, dass freie Presse ein hohes Gut ist.“

Abgesehen von dem fragwürdigen Stil und den teilweise polemischen Formulierungen macht Annika Kühl hiermit den Fehler, der auch immer wieder seitens vieler Verschwörungstheoretiker in die Welt gesetzt wird, auch gegen die hoffentlich noch freie Presse: Sie verknüpft zwei Sachverhalte miteinander, die nur anscheinend zusammengehören. Hierbei handelt es sich zum einen um die Kritik an der Presse im allgemeinen, zum anderen um die Meinung der Vertreter der Bahnhofs-Bürgerinitiative in einem ganz konkreten Punkt, u.a. im oben geschilderten Fall der durchgedrückten Pressemitteilung.

Kritik an der Presse kann – ganz allgemein – berechtigt wie auch völlig unberechtigt sein. Beides ist möglich und muß in jedem Einzelfall exakt beurteilt werden.

Nicht aber handelt es sich um seriösen Journalismus, wenn man einerseits die allgemeine, inhaltlich nicht konkretisierte Kritik an der Presse – die berechtigt oder unberechtigt sein kann – mit einem konkreten nachweisbaren Vorgang verknüpft, also der Veröffentlichung eines Artikels, der den Leserinnen und Lesern der Flensburger Nachrichten vorgaukelt, dass er von der Unterzeichnerin verfaßt worden ist, obwohl es eine Pressemitteilung der Bahnhofswald-Investoren war. Stattdessen hätte man untersuchen müssen, ob die Kritik an diesem Einzelfall berechtigt ist.

Selbst wenn im „Fördeschnack“ von Annika Kühl nicht explizit besagter Vorgang der „durchgedrückten“ Pressemitteilung gemeint sein sollte, ändert es nichts an der falschen Verknüpfung der Kritik an der Presse im allgemeinen einerseits mit der Behauptung Annika Kühls gegenüber den inhaltlichen Positionen der Vertreter der Bürgerinitiative Bahnhofswald andererseits, die Annika Kühl in ihrem Artikel polemisch beschreibt:

„Die freie Presse vor den eigenen Karren spannen zu wollen und die Darstellung verschiedener Sichtweisen als Propaganda zu verstehen, lässt tief blicken.“

Vorschlag: Machen Sie doch seitens Ihrer Zeitung einen öffentlichen Diskurs samt Faktencheck und anschließender Dokumentation in Ihrer Zeitung über alle Belange des Projekts Bahnhofshotel, und zwar mit den Vertretern der Bürgerinitiative, den Investoren, der Oberbürgermeisterin und einigen Vertretern des Stadtparlaments und weiterer Organisationen, die für das Projekt Bahnhofshotel Verantwortung tragen.

Wenn die Bürgerinnen und Bürger Flensburgs und des Landes Schleswig-Holstein über das Pro und Kontra öffentlich über alle damit zusammenhängenden Sachfragen informiert werden, um sich ein eigenes und vollständiges Bild machen zu können, wäre das eine schöne Aufgabe einer freien Presse.

Wolfgang Weirauch

 

 

Nebenstehend dokumentieren wir den oben genannten Beitrag, der in der Printversion des Flensburger Tageblatts am 22.10. erschien:

Über akopol

Netzwerk für mehr Öffentlichkeit, Transparenz und Demokratie in Flensburg

Veröffentlicht am 28. Oktober 2020, in Ökologie, Bahnhofswald, Bürgerbeteiligung, Daten und Zahlen, Flensburg News, Kultur, Rat & Ausschüsse, Soziales. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Peter Frankenberg

    Auch ich habe vor 10 Jahren erlebt wie ein in Flensburg vermeintlich meinungsbildendende Zeitung mich in einem Artikel diffamiert, beleidigt und Tatsachen geschrieben hat. Zudem waren die Lügen so offensichtlich das der Artikel plötzlich wieder verschwunden war. Soviel zu fairen Journalismus!

    Liken

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