75 Jahre Kriegsende – Flensburg hat (daran) gedacht

Stadt Flensburg wehrt sich gegen Kritik, sie habe den 75. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung vom Nazifaschismus nicht gebührend gewürdigt.

Geplante Gedenkveranstaltungen mussten wegen der Corona-Pandemie ausfallen

Pressemitteilung der Stadt Flensburg. Vor 75 Jahren endeten der Zweite Weltkrieg und die Herrschaft des Naziregimes in Deutschland. In Flensburgs als Sitz der letzten Reichsregierung ist das Kriegsende besonders gekennzeichnet durch die Verhaftung des letzten Reichspräsidenten Großadmiral Dönitz durch die Alliierten.
Ein historisches Ereignis, dessen historische Würdigung sicher immer besser, umfangreicher und wahrnehmbarer werden muss.

Der Historiker und Professor Gerhard Paul beleuchtet sehr aufschlussreich die letzten Tage der NS-Herrschaft in Flensburg. Den Aufsatz gibt es zum Download hier

Den Vorwurf in Flensburg sei dieser geschichtliche Jahrestag nicht ausreichend gewürdigt worden, müssen sich Stadt und Stadtgesellschaft aber nicht gefallen lassen.
Geplant war eine 7tägige Gedenkwoche, die aufgrund von Corona und dem Veranstaltungsverbot nicht stattfinden durfte.
Die vorgesehene Veranstaltung von Stadtarchivar Dr. Broder Schwensen musste daher auch ausfallen. Das wollte die Oberbürgermeisterin nicht so hinnehmen und hat deshalb eine Kooperation mit der HS Flensburg hergestellt. Mit Hilfe der Hochschule Flensburg wurde der Vortrag verfilmt und steht auf der Homepage der Stadt Flensburg allen Interessierten zur Verfügung.
Auch die Gedenkstunde auf dem Friedhof Friedenshügel am 8. Mai fand in diesem Jahr erstmals in dieser Form statt. An allen Grab- und Gedenkstätten aller Opfergruppen legten Stadtpräsident Hannes Fuhrig und Oberbürgermeisterin Simone Lange jeweils einen Kranz der Stadt Flensburg nieder und sprachen gemeinsam mit Vertreter*innen verschiedener Organisatoren an jeder Stelle Gedenkworte. Ca. 60 Personen nahmen mit gebührenden Abstand daran teil.
Am Hebroni-Denkmal vor dem Polizeigebäude, einer der zentralen Gedenkorte in Flensburg, wurde durch die Oberbürgermeisterin eine erläuternde Informationstafel der Öffentlichkeit übergeben.
Eine weitere Aktion hatte die Oberbürgermeisterin mit Stadtpastor Johannes Ahrens initiiert: „Was bedeutet Frieden?“ lautete der Titel des Fotoprojektes. Es ist auf große Resonanz in der Flensburger Bevölkerung gestoßen.
In der Ratsversammlung hat der Stadtpräsident eine dem Anlass des Jahrestages des Endes des 2. Weltkriegs und der Naziherrschaft gewidmete Gedenkrede gehalten.
Zwei Publikationen gibt es auch: Eine Broschüre zum Kriegsende vor 75 Jahren wurde in Zusammenarbeit mit dem VVN veröffentlicht und Dr. Broder Schwensen hat zusammen mit Gerhard Paul und mit der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte das Buch „Mai 45 – Kriegsende in Flensburg“ herausgebracht. Es ist bei der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte im Rathaus und im Buchhandel erhältlich.
Diese Aufzählung zeugt eindrücklich davon, dass das Kriegsende und die Befreiung vom Naziterror im Bewusstsein der Flensburger*innen fest verankert sind, und diesem historischen Ereignis auch in diesem Jahr trotz Coronabedingter Einschränkungen in angemessener Weise Rechnung getragen wurde.
Oberbürgermeisterin Simone Lange begrüßt jede Aktivität zur Steigerung des Erinnerns und betont: „Es ist eine Daueraufgabe aller Demokrat*innen aus der Geschichte zu lernen und allen Opfern ein ewiges Gedenken zu geben, denn wenn es keine Zeitzeug*innen mehr gibt, müssen wir alle selbst zu Zeug*innen

 

Dazu auch der Bericht im AKOPOL-Blog vom 10.05.2020:

Auf dem Weg zum Mahnmal auf dem Friedenshügel: (v. l. n. r.) Justus Klebe, SPD Vorsitzender Flensburg, Jochim Sopha, DGB Vorsitzender Flensburg, Ludwig Hecker, VVN-BdA, LINKE-Ratsfrau Gabriele Ritter, Oberbürgermeisterin Simone Lange, Stadtpräsident Hannes Fuhrig

„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ – Zahlreiche Teilnehmer*innen bei Gedenkveranstaltungen zum 8. Mai in Flensburg

Ein Bericht und Fotos von Jörg Pepmeyer

Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung vom völkermordenden Nazifaschismus gab es mehrere Gedenkverantaltungen in Flensburg. Auf dem Friedenshügel versammelten sich rund 50 Menschen, um der Opfer von Faschismus und Krieg zu gedenken. Ebenso versammelten sich am Deserteursdenkmal in der Roten Straße und am Hebroni-Mahnmal vor dem Polizeipräsidium zahlreiche Menschen, um der Opfer der Nazigräuel zu gedenken.

Ludwig Hecker spricht am VVN-Mahnmal auf dem Friedenshügel

Ludwig Hecker von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVNBdA) erinnerte in seiner Ansprache am VVN-Mahnmal an die Häftlingstransporte mit den beiden Dampfern Olga Siemers und Rheinfels, bei der hunderte von KZ-Häftlingen unter elendigsten Bedingungen in den letzten Kriegstagen in Flensburg förmlich strandeten und erst nach Tagen mit Wasser und Nahrung versorgt wurden. Währenddessen waren unzählige Häftlinge bereits dem Tode geweiht oder schon verstorben. Viele von ihnen wurden später auf dem Friedenhügel bestattet.

Auch Stadtpräsident Hannes Fuhrig und Oberbürgermeisterin Simone Lange gedachten der Opfer. Simone Lange wies in ihrer Ansprache daraufhin, dass es Aufgabe aller Bürger*innen sei, allen nazistischen, rechtsautoritären und antidemokratischen Bestrebungen entgegen zu treten, das sei die Lehre aus der Geschichte, die es nicht zu vergessen gilt.

Joachim Sopha spricht zu den Anwesenden, rechts im Bild Oberbürgermeisterin Simone Lange und Stadtpräsident Hannes Fuhrig

Joachim Sopha, Flensburger DGB-Vorsitzender schilderte, wie auch viele ehemals gewerkschaftlich organisierte Arbeiter*innen sich ohne Widerstand dem Nazisystem unterordneten und es aktiv unterstützten. Dies dürfe niemals wieder geschehen.

Ludwig Hecker und LINKE-Ratsfrau Gabriele Ritter gedenken der Opfer von Faschismus und Krieg

Zahlreiche Flensburger*innen legten am VVN-Mahnmal Blumengebinde und Kränze ab.

Am Deserteursdenkmal in der Roten Straße berichtete Siglinde Cüppers von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) über den Ablauf der  letzten Kriegstage in Flensburg und die Hinrichtung von angeblichen Deserteuren und „fahnenflüchtigen“ Marinesoldaten, sogar noch nach der Teilkapitulation am 4. Mai und der Gesamt-Kapitulation am 8. Mai.

Siglinde Cüppers spricht am Deserteuersdenkmal

So wurden am 5. Mai 1945 die drei Matrosen, Karl-Heinz Freudenthal, Günther Kaellander und Willi Albrecht, auf dem Schießplatz Twedter Feld hingerichtet. Einen Tag später am 6. Mai 1945 folgte die Hinrichtung des Kaptänsleutnants Asmus Jepsen, zwei Tage nachdem in Norddeutschland die offizielle Kapitulation bereits vollzogen worden war. Am 10. Mai wurden drei weitere „fahnenflüchtige“ Marineangehörige standrechtlich erschossen. Der für diesen Mord verantwortliche Marineoffizier und in dem Schnellgerichtsprozess verantwortliche „Gerichtsherr“ Rudolf Petersen wurde in einem Gerichtsverfahren 1953 von jeder Schuld freigesprochen. Insgesamt wurden rund um Flensburg in den letzten Kriegstagen auf Grund von wehrmachtgerichtlichen Urteilen mindestens 150 Soldaten hingerichtet.

Getreu der Losung des Schwurs von Buchenwald: Kranzniederlegung am Deserteursdenkmal

Ralf Cüppers spricht am Hebroni-Mahnmal

Am Hebroni-Mahnmal beim Polizeipräsidum am Norderhofenden schilderte Siglinde Cüppers wie kurz vor und nach Kriegsende führende Nazis Unterschlupf in Flensburg fanden und zum Teil mit neuer Identität ausgestattet, ihre weitere Flucht organisieren konnten. (Mehr dazu auch in dem sehr guten NDR-Beitrag:  Als die SS-Verbrecher nach Flensburg kamen https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Als-die-SS-Verbrecher-nach-Flensburg-kamen,kriegsende348.html )

Ralf Cüppers, ebenfalls von der DFG-VK, erinnerte daran, wie in den fünfziger Jahren viele Nazis trotz ihrer verbrecherischen Taten während der NS-Zeit nicht nur in Flensburg wieder wichtige Positionen in Staat und Gesellschaft bekleiden konnten. Auch heute sei angesichts der AfD, neu entstandener faschistischer Netzwerke und rechtsautoritärer Tendenzen in Deutschland der Kampf gegen den Faschismus immer noch aktuell. Es gelte weiterhin den von den Allierten auf der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 gefassten Beschluss, den Faschismus und Militarismus in Deutschland ein für alle mal auszurotten, konsequent umzusetzen.

Etwa 25 Menschen nahmen an der Gedenkveranstaltung vor dem Hebroni-Mahnmal teil

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Veröffentlicht am 17. Juni 2020 in Bürgerbeteiligung, Bildung, Daten und Zahlen, Flensburg News, Kultur, Soziales und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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