Aktionsgruppe Klima fordert strategische Neuausrichtung der Stadtwerke Flensburg

Kraftwerk der Stadtwerke Flensburg am Hafenwestufer: Aktionsgruppe Klima fordert Abkehr von der zentralisierten Fernwärmeversorgung und stattdessen Umstieg auf eine dezentrale Energieversorgung – Foto: Jörg Pepmeyer

Umweltaktivisten fordern Energie- und Wärmewende in Flensburg und Ausstieg aus der zentralisierten Fernwärmeversorgung

In einem Offenen Brief haben sich die Mitstreiter*innen der Aktionsgruppe Klima Flensburg Gedanken über die zukünftige Energieversorgung in Flensburg gemacht und über die Rolle der Stadtwerke hierbei. Ihr Hauptkritikpunkt ist die stadtweite Wärmeversorung über das zentrale Fernwärmenetz, bei der über die Kraft-Wärme-Kopplung die notwendige Wärmeenergie hauptsächlich durch die Verbrennung fossiler Energieträger im Kraftwerk der Stadtwerke bereit gestellt wird.

Die Klimaschützer halten dieses Versorgungskonzept nicht mehr für zukunftsfähig. Sie fordern den vollständigen Umstieg auf regenerative und klimaneutrale Energieträger. Gleichzeitig solle der Aufbau dezentraler  Energieerzeugungs und -versorgungsstrukturen vorangetrieben werden, insbesondere beim Neubau von Wohnhäusern. Dies gelte für Strom, aber ebenso für die Bereitstellung der Wärme. Dabei sollen Photovoltaik und Wärmepumpen eine wichtige Rolle spielen.  Eine daran anschließende Forderung der Aktionsgruppe ist die Aufhebung des Anschlusszwangs an das Fernwärmenetz der Stadtwerke zugunsten klimaschonender Alternativen.

Allerdings ist in den Ausführungen der Aktionsgruppe Klima die Frage, wie die Wärmeversorgung der tausenden von Mietwohnungshäusern in Flensburg zukünftig erfolgen soll, unzureichend beantwortet. Denn deren Wärmeversorgung müsste dann baulich und technisch komplett neu konzipiert werden. Das würde die Hausbesitzer und letztlich auch die Mieter viel Geld kosten. Und die Hausbesitzer und Wohnungsgesellschaften wären sicherlich nur dann bereit diese Investitionen zu tätigen, wenn sich die hierfür notwendigen Investitionen mittelfristig rechnen. Ebenso würde sich dann die Frage stellen, was passiert mit dem Kraftwerk der Stadtwerke, in das für die Eneuerung der Energieerzeugungsanlagen und den Einbau von Gasturbinen in den letzten Jahren 250 Mio. Euro investiert wurden.

Unabhängig von diesen offenen Fragen finden sich in dem Brief sehr wohl diskussionswürdige Argumente und Hinweise für eine neue Energiestrategie und für eine alternative und dezentrale Wärmeversorgung in Flensburg.

Wir dokumentieren deshalb untenstehend den Text.

An die Deutsche Umwelthilfe

An Germanwatch

An das „Bündnis für ein fossilfeies Flensburg – BFFF“, Greenpeace Flensburg,

BUND Flensburg, NABU
Flensburg, EES, fridays for future Flensburg

An die Gemeindeverwaltungen im Einzugsbereich des Flensburger Fernwärmenetzes
Harrislee, Glücksburg Wees und Tarp

An die Presse:
Flensburger Tageblatt/ SHZ, Flensborg Avis, Moin-Moin, Akopol, Die Zeit,

Spiegel, Süddeutsche Zeitung,
TAZ, Hamburger Abendblatt

Betr.: Klimaschutz – Energie- und Wärmewende

– strategische Ausrichtung der Flensburger Stadtwerke

– Fernwärmenetz in Zukunft eine Sackgasse !!!

Sehr geehrte Damen und Herren !

Auch wenn sich unsere folgenden Ausführungen auf die spezielle Situation in unserer Stadt, Flensburg, beziehen, sind doch die grundlegenden Überlegungen zur Wärmeerzeugung auf andere Städte und Regionen übertragbar.

Vor dem Hintergrund einer sich erschreckenderweise exponentiell zuspitzenden Klimasituation wenden wir uns in großer Sorge an Sie mit dem dringenden Appell, endlich durchschlagende , effektive Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasen, in diesem Falle in dem Bereich der Energie- und Wärmeversorgung, zu ergreifen.

Nach vielen Gesprächen, Vorträgen und eigenen Untersuchungen und Berechnunge sind wir, die Energiegruppe der Aktionsgruppe KLIMA Flensburg, A K F, zu dem Ergebnis gelangt, dass der aktuelle Pfad der Energie- und Wärmeversorgung, der in der Vergangenheit über ein Fernwärmenetz zu einer enormen Reduzierung luftbelastender Emissionen aus Tausenden Hausbrandstellen geführt hat, zugunsten einer besseren Klimawirkung dringend verlassen werden muss!

Das Flensburger Fernwärmenetz ist eines der größten der Bundesrepublik Deutschland mit 672 Kilometern Länge, mehr als 18.400 Abnahmestellen, und einem´Versorgungsgrad von 98 Prozent der Flensburger Haushalte. Das Netz arbeitet mit ca. 78’C (Sommer) bis 115″C (Winter) heißem Wasser als Transportmedium. Die Strom- und Wärmegewinnung erfolgt im Wesentlichen aus der Verbrennung von Gas und Kohle in Kraft – Wärme – Kopplung (KWK), in geringerem Maße und in Reservesituationen auch Öl und Einsatz von Strom, wobei seit Jahren die zunehmende Umstellung der Kohle- auf Gaskessel mit einem Investitionsvolumen im 3-stelligen Millionenbereich erfolgt.

So vorteilhaft die Kraft – Wärme – Kopplung bei Verbrennung fossiler Brennstoffe in Sachen Verbesserung der Luftqualität und Einsparung von Primär-Energie in der Vergangenheit war, so verliert diese Art der Strom- und Wärmeerzeugung in der Zukunft in dem Maße, in dem die Energiewende gelingt, und die Vorteile der Zentralen Fernwärmeerzeugung kehren sich in massive Nachteile um.
Dies wird sich in ganz erheblich steigenden Fernwärmekosten auswirken.

Wir gehen davon aus, dass in L0 – 20 Jahren, wenn die Energiewende gelingt, der Strom im Wesentlichen regenerativ aus Wind und Sonne erzeugt werden wird. Damit wird sich die Notwendigkeit, Kohle, Öl oder Gas zur Erzeugung von Strom zu verbrennen, auf Phasen der sogenannten Dunkelflaute beschränken. lmmer häufiger werden zukünftig die Bedarfe von Strom bzw. Wärme aus der Kraft-Wärme-Kopplung des Stadtwerke-Kraftwerkes voneinander abweichen, da Strom, regenerativ erzeugt, in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen wird, aber das Fernwärmenetz sein im Kraftwerk erzeugtes Energietransportmedium, heißes Wasser, erfordert .

Damit entfallen für die Normalsituation (ausreichender Strom aus Wind und Sonne) die bisherigen Vorteile der KWK. Und alle Methoden der zentralen Wärmeerzeugung durch Power-to-heat (oder über den Umweg grüner Wasserstoff, Methanisierung von Grünem Wasserstoff) verlieren, abgesehen von den hohen Kosten, ihre Vorteile durch die Wärmeverluste im Fernwärmenetz. Selbst die Möglichkeit des Einsatzes von Großwärmepumpen im Flensburger Kraftwerk erscheint nach unseren Untersuchungen wenig sinnvoll (wegen des hohen Temperaturniveaus von mindestens 75″C nur in der ersten Wärmetauscherstufe, wegen der hohen lnvestitions- und Betriebskosten einer solchen Anlage und wegen der nachfolgenden Verluste im Leitungsnetz.). Auch sind bei der Verbrennung von Wasserstoff bzw. Methan die erheblichen Energieverluste bei deren Erzeugung aus Windkraft und Sonnenenergie zu berücksichtigen.

Grundsätzlich von Nachteil sind die Wärmenetzverluste von l-4 – 17%, die sich bei reduziertem Verbrauch durch Einsparmaßnahmen bei den Verbrauchern noch – relativ – vergrößern werden. Auch ist im Moment nicht ansatzweise sichtbar, wie zukünftig in ausreichendem Umfang Biogas und / oder Wasserstoff zu bezahlbaren Kosten zur Verfügung stehen könnten, um das – fossile – Erdgas zu ersetzen.

Vor diesem Hintergrund fordern wir als um die Sicherung unserer Lebensgrundlagen besorgte und mit Stadt und Stadtwerken verbundene Bürger:

– Aufhebung des Anschlusszwangs an das Flensburger Fernwärmenetz zugunsten klimaschonenderer Wärmeversorgungsmöglichkeiten (z.B. dezentrale Wärmepumpen mit niedrigem Temperaturniveau)

– Sofortiger Stopp des weiteren Fernwärmenetzausbaus

– Rückbau des Fernwärmenetzes wo möglich

– neutrale, klimaschutzorientierte Beratung von Bauwilligen bezüglich in Frage kommender Heizmöglichkeiten

– Neuanschlüsse an das Fernwärmenetz nur ausnahmsweise in begründeten Einzelfällen

– Verpflichtung der Stadtwerke die Auswirkungen der Energiewende auf den Fernwärmepreis unter bestimmten Szenarien zu untersuchen und zu veröffentlichen

– Erstellung einer Studie über die Einsatzmöglichkeiten einer zentralen Groß-Wärmepum pe für die erste Wärmetauscherstufe

– stadt- und umlandweite Photovoltaik-Initiative mit dem Ziel, Photovottaik auf möllichst jedes geeignete Gebäudedach zu bekommen mit Entwicktung von sinnvollen Bürgerbeteiligungsmodellen

– Anhebung des Geschäftszieles Klimaschutz in der Prioritätenrangfolge der Stadtwerke Flensburg

Gern stehen wir für Gespräche zu den von uns erhobenen Forderungen , auch andere Klimaschutz-Sektoren betreffend , zur Verfügung und bitten um Verifizierung und Kommentierung durch Mitglieder der oben genannten Universitätsinstitute.

Für eine lebenswerte Zukunft in unserer lebenswerten Region mit freundlichen Grüßen

 

Claus Warnecke             Rainer Woehl          Ralf-Detlev Strobach

Aktionsgruppe KLIMA Flensburg, A K F

 

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Veröffentlicht am 16. Juni 2020 in Ökologie, Bürgerbeteiligung, Bildung, Daten und Zahlen, Flensburg News, Rat & Ausschüsse, Soziales, Stadtplanung, Stadtwerke, Stadtwerke Flensburg, Wirtschaft und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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