Archiv für den Tag 7. Juni 2020

Black Lives Matter: Über 1.000 Menschen beim Silent Protest an der Flensburger Hafenspitze

I CAN´T BREATHE und BLACK LIVES MATTER: Protestplakate auf dem Platz an der Hafenspitze – Mehr Fotos von der Veranstaltung in einer Fotostrecke am Ende dieses Berichts

Ein Bericht und Fotos von Jörg Pepmeyer

Zum Gedenken des von US-Polizisten ermordeten George Floyd haben am Samstag in Deutschland Zehntausende Menschen gegen Rassismus umd Diskriminierung protestiert. Auch in Flensburg hatte ein Bündnis junger Menschen unter dem Motto: Nein zu Rassismus! Gemeinsam sind wir STARK! kurzfristig zu einem Silent Protest an der Hafenspitzen aufgerufen.

Weit über 1.000 Menschen, vielfach ganz in Schwarz gekleidet, folgten dem Aufruf. Inoffiziell wurde aus Polizeikreisen am späten Nachmittag sogar eine Zahl von 1.800 genannt. Für die Flensburger Organisatoren ein Riesenerfolg, hatten sie doch gerade mal mit 500 Teilnehmenden gerechnet. Die Gruppe um Initiatorin Rakiya Suleman, Schülerin am Fördegymnasium, bekam gleichzeitig Unterstützung von Aktivisten der lokalen Fridays for Future Gruppe und der Jugendorgansisation Solid. In Windeseile stellten sie ein Programm auf die Beine, das nicht nur mit hochkarätigen Gästen besetzt war, sondern vor allem die von Rassismus Betroffenen zu Wort kommen ließ.

In mehreren Beiträgen sprachen die über ihre Erfahrungen mit dem alltäglichen Dikskriminierungen aufgrund ihrer Hautfarbe, kritisierten ebenso, dass die rechtsnationale AfD dem Rassismus in Deutschland ungestraft Vorschub leisten dürfe. Ebensowenig wurde die Geschichte Flensburgs ausgelassen. Die Stadt und ihre Kaufleute hatten während der dänischen Kolonialzeit vom Sklavenhandel und der Ausbeutung der aus Afrika verschleppten Menschen beim Zuckerrohranbau auf den dänischen Karibikinseln enorm profitiert. Davon zehrt Flensburg bis heute noch. (Mehr zum Anteil Flensburgs und seiner Kaufleute hieran: Zucker, Rum und Sklavenarbeit. Kurzer Abriß zur Kolonialgeschichte Flensburgs und der Dänisch-Westindischen Inseln https://www.grin.com/document/107942 )

Den Anfang machte Cliff Ahengua, der gleichzeitig die Veranstaltung moderierte. Er erläuterte das Anliegen der Organisatoren und erklärte, dass es nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland einen ausgeprägten Rassimus und die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen wegen ihrer Hautfarbe und Herkunft bis hin zu gewalttätigen Übergriffen gibt.

Patricia Nnadi vom Kollektiv afrodeutscher Frauen in Kiel forderte in ihrer sehr kämpferischen Rede alle Betroffenen auf, konsequent für ihre Rechte zu kämpfen. Vielen Menschen sei zudem nicht klar, dass der Rassismus zur europäischen Geschichte gehöre und immer noch tief verwurzelt in der Gesellschaft sei und das Denken und Verhalten immer noch präge. Das spiegele sich auch im Umgang mit Migranten und Menschen anderer Hautfarbe wieder und bedeute für diese ständige Benachteiligungen und gesellschaftliche Ausgrenzung.

Die Präsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags, Aminata Touré, setzte sich mit den konkreten Folgen des alltäglichen Rassismus auseinander. Den Vorurteilen und Demütigungen, denen Menschen anderer Hautfarbe ausgesetzt sind, wenn es um die Anmietung einer neuer Wohnung gehe, beim Einkaufen, bei der Arbeit. Es müsse daher darum gehen, weiterhin für mehr Gerechtigkeit und Chancengleicheit zu kämpfen. Gleichzeitig machte sie den Betroffenen Mut: „Wir sind so viel mehr, als die Verletzungen, die wir erleben. Ja, das sind wir.“ Auch sie erinnerte daran, dass der Rassismus und das ihm zugrunde liegende Menschenbild im Kontext mit der europäischen Geschichte und dem Kolonialismus stehe und forderte mehr noch als bisher dies im Schulunterricht zum Thema zu machen.

Lorenz Gösta Beutin Bundestagsabgeordneter der Partei DIE LINKE kritiserte wie auch andere Redner*innen zuvor das Racial Profiling, das polizeiliche Vorgehen gegen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft und die Verdächtigungen, denen diese Menschen ständig ausgesetzt seien. Ebenso habe die AfD den Rassismuss wieder hoffähig gemacht, sei gleichzeitig die Zahl der rassistisch motivierten Straftaten erheblich angestiegen. So wurden 2019 allein 8.000 derartiger Straftaten registriert, während die Dunkelziffer von Experten allerdings auf das vier- bis fünffache geschätzt wird. Scharf ging er auch mit der Flüchtlingspolitik der EU ins Gericht. So gäbe es derzeit keine Seenotrettung im Mittelmeer, würden unzählige Flüchtlinge jämmerlich ertrinken, während die EU dabei lediglich zuschaue. Auch das sei eine Form des Rassismus.

Unterbrochen wurden die Ansprachen zweimal mit einem über 8 1/2 Minuten langem Schweigen der Protestierenden im Gedenken an George Floyd und die Opfer rassistischer Übergriffe. Genau 8 Minuten und 42 Sekunden lang hatten US-Polizisten den auf der Straße liegenden George Floyd trotz seines verzweifelten Flehens „I can`t breathe!“ die Luft abgedrückt, bis er starb.

Das Anliegen der Veranstalter*innen wurde auch von vielen Teilnehmer*innen der Kundgebung  mit selbsgemalten Plakaten und Transparenten unterstützt, bei denen ebenso die rassistisch motivierte Polizeigewalt gegen Migranten und Menschen anderer Hautfarbe in Deutschland thematisiert wurde. Und passend zum Motto der Veranstaltung spielte Mitorganisator Alex Bergholz auf seiner Gitarre einen Klassiker von Bob Marley „Redemption Song“, in dem es um Befreiung und Emanzipation geht. Es gab sogar einige im Publikum, die der Aufforderung von Alex Bergholz folgten, mitzusingen.

Ingesamt war die Stimmung trotz des traurigen Anlasses bei den Teilnehmenden außerordentlich gut. Gab es im Abschluss den Wunsch vieler das Thema Rassismus und was es politisch und für die Betroffenen bedeutet, noch stärker auf die Tagesordnung der öffentlichen Debatte in Flensburg zu setzen. Dies umso mehr, weil befürchtet wird, dass angesichts der wirtschaftlichen Krise die AfD und andere Rechte sich des Themas bedienen werden, um ihr politisches  Süppchen zu kochen.

Alles in allem bewerteten die Organisatoren die Veranstaltung als vollen Erfolg. Auch Rakiya Suleman bedankte sich in diesem Sinne am Schluss noch mal ausdrücklich bei allen, die dabei waren und bekam einen besonders herzlichen Applaus.

Unten nun wie angekündigt die Fotos von der Veranstaltung:

Cliff Ahengua, Mitorganisator und Moderator der Veranstaltung

Weit über 1.000 Menschen auf dem Platz an der Hafenspitze

Die Initiatorin der Veranstaltung Rakiya Suleman

Mitorganisator Alex Bergholz singt Redemption Song von Bob Marley

Sprecherin Sarah Schierholz berichtete von ihren ganz privaten Erfahrungen

Patricia Nnadi vom Kollektiv afrodeutscher Frauen, Kiel

Auch in Deutschland gibt es rassistische Polizeigewalt

Die Präsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags Aminata Touré

8 1/2 Minuten Stilles Gedenken an George Floyd

Lorenz Gösta Beutin, Bundestagsabgeordneter der Partei DIE LINKE

Rakiya Suleman freut sich über den Zuspruch und die Glückwünsche zur gelungenen Veranstaltung

 

 

 

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