Archiv für den Tag 1. Juni 2020

Fakten-Check: Regionalzüge auf Straßenbahnschienen durch Flensburg oder ein Innenstadtbahnhof?

Friedrich-Ebert-Straße am Deutschen Haus: Biegt hier einmal der Zug aus Kiel von der Bahnhofstraße ein? – Foto: VCD Flensburg

Ein Beitrag von Julia Born, VCD-Ortsgrupe Flensburg

Die Flensburger Grünen wollen, dass Regionalzüge als Straßenbahnen vom Flensburger Bahnhof Richtung Innenstadt fahren. Die NEG möchte die Bestandsstrecke reaktivieren und so Flensburg besser mit der Region verbinden. Was ist besser für Flensburg und fürs Klima? Dazu ein vergleichender Fakten-Check.

Aktuell: Antrag auf Machbarkeitsstudie für einen straßengeführten Schienenverkehr (Grüne)

Ein aktueller Antrag auf Vorschlag von Pelle Hansen (Grüne) sieht vor, dass eine Machbarkeitsstudie für einen straßengeführten Schienenpersonennahverkehr durchgeführt werden soll. Am Bahnhof Flensburg auf den Bahnschienen ankommend, soll der Regionalverkehr mit speziellen Zwei-System-Zügen über Straßenbahnschienen, die in die Straßendecke eingearbeitet werden, auf der Bahnhofsstraße weiter Richtung Stadt geführt werden (Flensburger Tageblatt, 30.05.2020 – mehr dazu hier). Beispielhaft wird das “Karlsruher Modell” einer Stadtregionalbahn genannt.

Oder: Reaktivierung der Bahntrasse bis zum ZOB (NEG)

Demgegenüber will die Norddeutsche Eisenbahngesellschaft (NEG) die Bahntrasse reaktivieren für alle Züge aus dem Umland und nach Möglichkeit in die Region und prägte dafür den Begriff „Förde-S-Bahn“. Die Gleise vom Wilhelminental bis zur Hafenspitze sollen wieder durch den Schienenpersonen-Nahverkehr (SPNV) genutzt werden. Auf der Trasse zum Hafen sind verschiedene Haltepunkte denkbar, z.B. Hannah-Arendt-Schule, Deutsches Haus, außerhalb am Campus und in Tarup.

Das Problem: Hohe Belastung durch stetig wachsenden Kfz-Verkehr

Das Problem in Flensburg: 2017 waren hier 10.000 Aus- und sogar mehr als 22.000 Berufs-Einpendler unterwegs, die meisten mit dem Auto. Dazu kommen Studierende, Feriengäste, Einkaufsverkehr und mehr. Tendenz steigend: Der KFZ-Bestand nimmt regelmäßig zu.
Deshalb fahren in der Innenstadt erheblich mehr Autos als auf der Autobahn A7 – mit allen negativen Folgen für die Umwelt: Luftbelastung, Verkehrslärm. Unfallgefahr. (Verkehrszählung von 2016, vgl. Flensburg-mobil.net: “Verkehrsbelastung in Flensburg: Wo liegen die Probleme?” – mehr).
Ganz zu schweigen vom Klimaschutz: Hier hinkt der Verkehrsbereich schon seit Jahren erheblich hinterher. Höchste Zeit für Verbesserungen. Die beiden Initiativen sind also zu begrüßen.

Was ist besser für Flensburg?

Damit nachfolgende Generationen eine Zukunft haben, will der VCD weg vom Auto hin zu mehr Fuß-, Rad-, Bus- und Bahnverkehr, weg von fossilen Treibstoffen hin zur CO2-freien Mobilität – die Verkehrswende JETZT.
Deshalb gilt es sorgfältig abzuwägen: Was ist besser für die Stadt und für das Klima?
Vielleicht geht es auch darum, das eine zu tun und das andre nicht zu lassen.

Eine Gegenüberstellung der wichtigsten Argumente kann bei einer Bewertung hilfreich sein. In der folgenden Darstellung sind Aussagen der Grünen in den Medien und von NEG-Geschäftsführer Ingo Dewald zusammengefasst und wiedergegeben.

Regionalzüge als Zweisystem-Züge vom Bahnhof in die Flensburger Innenstadt (Grüne) Reaktivierung der Bahntrasse und Durchfahrt der Züge bis zum ZOB (NEG)

“Wir haben dadurch die große Chance, Fahrgäste quasi Zuhause abzuholen, den bestehenden Bahnhof zu stärken, den ZOB verkehrlich zu entlasten, den Radschnellweg nach Weiche zu bauen und die Verkehrswende in Flensburg weit voranzubringen”, so wird Pelle Hansen in dem obigen Bericht des Flensburger Tageblatts zitiert.

Deshalb der Antrag (Ratsinfosystem Flensburg. PDF-Datei – mehr), im Jahr 2021 eine Machbarkeitsstudie dazu durchführen zu lassen. Dabei sei auch die Verträglichkeit mit anderem Verkehr sowie der Straßenkörper in Hinblick auf eine Schienenverlegung zu prüfen.

“Um das gemeinsame Interesse an der Prüfung des Modells mit seinem Verkehrspotential zu erheben, soll mit dem Land SH und der Nah.SH Kontakt diesbezüglich aufgenommen werden”, so die Zielsetzung.

Laut dem Antrag wird es für “fraglich” gehalten, ob die Reaktivierung der Bahntrasse und Weiterleitung der Züge bis zum ZOB technisch möglich sei.
Auch wird darauf hingewiesen, dass eine solche Maßnahme den Beschlüssen und Zielen der Stadt widerspräche.

Zwei-System-Züge, z.B. aus Hamburg, Kiel oder Dänemark, potenziell auch Niebüll, fahren nach dem Konzept vom Bahnhof auf Straßenbahnschienen die Bahnhofstraße  hinunter und weiter zum ZOB. Geprüft werden soll auch die grundsätzlich Machbarkeit eines Ausbaus –  auf der Westseite der Förde weiter zur Nordstadt und auf der Ostseite nach Mürwik.

Die Reaktivierung der Bahntrasse und die Durchfahrt der Züge zum ZOB mit möglichen Zwischenhalten ist im Landesweiten Nahverkehrsplan (LNVP) verankert. Das Bahngutachten 2016 fiel sehr positiv aus.

Daher wäre das Land Schleswig-Holstein sofort bereit, das NEG-Vorhaben mit umfassender Finanzierung zu unterstützen.
Radwege zu den Haltepunkten werden ebenfalls gefördert, eine Chance, das Velorouten-Netz zeitgleich umzusetzen.

Die Weiterleitung der Züge zu einem Bahnhof ZOB ist technisch klar lösbar. Im „Zielfahrplan Deutschland-Takt“ des Bundesverkehrs­ministeriums (07.05.2019) ist der ZOB als Haltepunkt bereits integriert (PDF-Datei – mehr).

Eine Umsetzung hin zu einer „Förde-S-Bahn“ kann in Stufen erfolgen. Eine Verlängerung bzw. Reaktivierung der entwidmeten Gleistrassen links und rechts des Hafens und die Weiterführung im Stadtgebiet und in die Region ist möglich und wünschenswert.

Ein Neubau von Trassen abseits bestehender Strecken ist außerordentlich aufwändig, da der planerische Vorlauf um die 10-15 Jahre dauert. Das träfe auf den Innenstadt-Damm nicht zu.

Bei einem positiven Entscheid der Stadt könnte – unter Berücksichtigung von Natur- und Schallschutz – voraussichtlich 2023 mit der Renovierung der Strecke und im Anschluss 2023/24 mit dem Förde-S-Bahn-Betrieb begonnen werden.

Mehr zum Thema auch auf der Seite der Flensburger VCD-Ortsgruppe unter: https://nord.vcd.org/der-vcd-nord/ortsgruppe-flensburg/news/fakten-check-regionalzuege-auf-strassenbahnschienen-durch-flensburg-oder-ein-innenstadtbahnhof/

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