Archiv für den Tag 14. April 2020

Lärmaktionsplan Flensburg: Tempolimits, Verkehrskontrollen und Baumaßnahmen gefordert

Neugestaltete Burgstraße auf Duburg mit lärmminderndem und fahrradfreundlichem Natursteinpflaster – Foto: Jörg Pepmeyer

Ein Beitrag von Julia Born, VCD – Ortsgruppe Flensburg

Tempolimits, Verkehrskontrollen und Verkehrsberuhigung durch bauliche Maßnahmen – so die erstaunlich einstimmigen Wünsche, die Flensburger Bürger*innen auf der städtischen Internetplattform zum Thema Lärm vorbrachten. Die Stadt Flensburg arbeitet derzeit am neuen Lärmaktionsplan, diese Rückmeldungen sollen einfließen. Die Ratsversammlung ist aufgerufen, die Beiträge ernst zu nehmen und die Lärmbelastung zu reduzieren.

Alle fünf Jahre, so die EU-Vorgabe, muss Flensburg eine Lärmkartierung vornehmen und einen Lärmaktionsplan erstellen. Ziel ist, die Lärmbelastung zu senken und die Lebensqualität vor Ort zu erhöhen. Dabei sollen die Bürger*innen einbezogen werden. Das geschah in Flensburg über einen Workshop am 10. März 2020 und die Internetplattform https://laermaktionsplan-flensburg.de/, in der man im Monat März “Lärmbrennpunkte” eintragen konnte. Derzeit werden die Rückmeldungen ausgewertet.

Wir haben die Einträge auf der Internetplattform gesichtet und zusammengefasst.

Wie kam die Internetumfrage bei den Einwohner*innen an?

Die Beteiligung war sehr engagiert. Auf der Internetseite finden sich weit über 100 Einträge und Kommentare.

Für die Rückmeldungen gab es vier Kategorien: Verkehrslärm, Gewerbelärm, Sonstiger Lärm und Fluglärm. Ganz überwiegend wird geklagt über Verkehrslärm. An zweiter Stelle geht es um Gewerbe- und sonstigen Lärm. Vereinzelt wird Fluglärm vermerkt.

Welche Gebiete sind besonders von Verkehrslärm betroffen?

Beschwerden kommen von überall, aus der Innenstadt und den umliegenden Wohngebieten. An prominenter Stelle stehen West- und Osttangente B200 und B199 sowie A7. Der Verkehrslärm habe immer mehr zugenommen, heißt es, auch in den Zubringerstraßen leidet man darunter.
Andere Lärmschwerpunkte sind die Innenstadt, der Bereich um Hafen und Förde, auch Mürwik z.B. mit der Strecke durch den Tunnel Ziegeleistraße und der Mürwiker Straße.

Beschrieben wird zum Beispiel, dass man sich auf manchen Straßen wegen dem Autoverkehr “nur noch schwer unterhalten” kann. “Die Lärmbelastung im … Garten ist so hoch, dass man nur mit Ohropax zur Ruhe kommen kann”, so in Engelsby. Gelitten wird unter “nächtlichen Ruhestörungen .. durch Lärm … und Erschütterungen”.

Reichen die bisherigen Verkehrskontrollen nicht aus zur Verkehrsberuhigung?

Natürlich existieren mancherorts Geschwindigkeitsbeschränkungen. Doch die, so die wiederholte Klage, werden nicht eingehalten – und zu wenig überwacht. “Kein einziges Mal”, so ein Beispiel, habe man im Wohngebiet mit Tempo 30 eine Geschwindigkeitskontrolle erlebt oder davon gehört, obwohl viele Autofahrer zu schnell seien.
Andere haben beobachtet, dass “Autoposer” mit getunten Motoren unterwegs sind, im Stadtbereich teilweise Rennen durchgeführt, ja, sogar rote Ampeln und Durchfahrtsverbote ignoriert werden, ohne dass etwas geschieht.

Welche Rückmeldungen gibt es zu Kopfsteinpflaster?

Natursteinpflaster ist bei Anwohnenden und Radler*innen gar nicht beliebt. Es gibt sehr viele Beschwerden. Immer wieder wird hier Tempo 30 gefordert, manchmal sogar Tempo 20.

Denn eine Straße mit Natursteinpflaster ist “mit dem Rad ohne eine anschließende Gehirnerschütterung … nicht befahrbar”, ja, “ein Affront gegen den Radverkehr”, und auch “Fußgänger, Kinderwagen, Rollator- und Rollstuhlfahrer” würden sich z.B. über abgeschliffenes Pflaster freuen.

Zum anderen beeinträchtigen die lauten Abrollgeräusche der Reifen und die damit verbundenen Erschütterungen die Wohnqualität ganz erheblich. “Was ist wichtiger: Ein schicker Look oder die Gesundheit der Anwohner?”

Wünsche der Anwohnenden: Von Lärmschutzmaßnahmen vor Ort …

Die bisherigen Lärmschutzmaßnahmen werden häufig als ungenügend empfunden. Es gibt eine Fülle von Vorschlägen, um für mehr Ruhe und Lebensqualität zu sorgen.

Top 1 auf der Wunschliste sind Geschwindigkeitsbeschränkungen. Viele wünschen sich Tempo 30 in Straße oder Wohnviertel. Denn eine Geschwindigkeitsbegrenzung einzuführen “kostet im Vergleich zur Asphaltierung wenig, … lässt sich sehr schnell umsetzen” und würde obendrein “den CO2- und NOx-Ausstoß verringern”. Auch auf Ost- und Westtangente sollte, so wiederholt gefordert, die Geschwindigkeit heruntergesetzt werden.

Aufgrund der bisherigen schlechten Erfahrungen mit Verkehrskontrollen werden diese Maßnahmen gern verbunden mit der Forderung nach “konsequenten Kontrollen” oder einem “fest installierten Blitzer”.

Detaillierte Vorschläge werden gemacht: Bau bzw. Weiterbau von Lärmschutzwänden, Verlangsamung des Autoverkehrs durch Verschwenken der Fahrbahn, indem die Parkplätzen versetzt angeordnet werden, Abschleifen von Kopfsteinpflaster oder der Ersatz des Straßenbelags, z.B. durch “Flüsterasphalt”.

… zu verkehrspolitischen Forderungen

Eine ganze Reihe von Beiträgen gehen über die konkreten Kritikpunkte hinaus und stellen verkehrspolitische Forderungen:

  • Die Innenstadt oder Durchfahrt Hafendamm-Süderhofenden komplett für den Durchgangsverkehr sperren, stattdessen Park&Ride-Angebote
  • Kreisverkehre, um Kreuzungen lärmärmer zu gestalten
  • Durchfahrtsverbote für Lkw bzw. Bündelung des Lieferverkehrs
  • Rückbau von Straßen zu einspurigen (Einbahn-)Straßen und Verlangsamung des motorisierten Verkehrs
  • Ausbau des lärmarmen Verkehrs:
    • Den ÖPNV ausbauen, die Stadt-Umland-Verbindungen verbessern und die Fahrpreise günstiger machen, Schnellspuren für die Busse einrichten
    • Fahrradwege ausbauen und Rad- und Fußwege räumlich trennen.

Ein Beitrag weist auf die Verknüpfung mit der Immobilienwirtschaft hin, da Lärmlagen zu Wertminderungen führen. “So kann man sagen, dass die Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte im Immobilienbereich für Wertverlust, Mindereinnahmen, nicht selten qualitativ wenig ansprechenden Wohnraum und ein teilweise trauriges Stadtbild gesorgt hat.”

Wie geht es jetzt weiter?

Die Einträge auf der Internetseite werden nun ausgewertet und fließen “ggf.” in den Entwurf des Lärmaktionsplans ein, der im Sommer 2020 vorgestellt werden soll. Wieweit eine Umsetzung dieser Maßnahmen erfolgt, entscheidet die Ratsversammlung. Denn rechtlich verbindliche Grenzwerte gibt es bisher nicht.

Wichtig: Den Ansuchen der Bürger*innen sollte nachgegangen werden!

Zu wünschen ist auf jeden Fall, dass den konkreten Anliegen der Bürger*innen nachgegangen wird. Sie haben Vertrauen gezeigt und sich mit ihren Anliegen und Vorschlägen an die Stadt gewandt. Sie sollten daher Beratung und Unterstützung finden, wie sie sich selbst besser vor Lärm schützen können und wie Stadt bzw. Ratsversammlung das unterstützen können und werden.

Von der Ratsversammlung “ernsthafter Einsatz” gefordert

Und schließlich kann man nur hoffen, dass Ratsmitglieder und Stadtverwaltung die Sorgen und Nöte der Bürger*innen ernst nehmen und ihren Wunsch nach “mutigen Maßnahmen” und„ernsthaftem Einsatz“ für Tempolimits. “Es wäre sehr zu wünschen, dass der dritte Lärmaktionsplan nun auch zu Aktionen führt.”

Die sogenannte “Lärm-Kenn-Ziffer”(1) bietet dafür ein objektiviertes Ergebnis und eine Handlungsgrundlage. Dabei wird eine Lärmbelastung über dem Schwellenwert multipliziert mit der Anzahl der Betroffenen im jeweiligen Gebäude (vgl. Anlage 1a LKZ-Strasse-Tag bzw. -Nachti). So veranschaulicht sie, wo der Bedarf besonders groß ist.

“Wann handelt die Ratsversammlung endlich?”, wird gefragt. “Im Vergleich zu anderen Städten, zum Beispiel Wismar und Schwerin ( = genauso groß wie Flensburg und Landeshauptstadt!), zu Dänemark hinkt Flensburg Jahrzehnte hinterher.”

Politik soll “endlich liefern”

Als Schlusswort ein Zitat: “Statt weiter nur Phänomene zu bekämpfen (lärmarmer Straßenbelag, Geschwindigkeitsreduzierungen, Verkehrsberuhigung, Umbau von Knotenpunkten, Verkehrsorganisation, Lärmschutzwände etc.), müssen wir jetzt gemeinsam die Ursache unserer Probleme beseitigen: überbordenden, motorisierten Individualverkehr in der Stadt. Die Politik ist gefordert, hier endlich zu liefern.”

(1) Stadtpläne nach Lärm-Kenn-Ziffer:
laermaktionsplan-flensburg.de/wp-content/uploads/Anlage1a-LKZ-Strasse-Tag.pdf
laermaktionsplan-flensburg.de/wp-content/uploads/Anlage1b-LKZ-Strasse-Nacht.pdf

Corona und der Bahnhofswald

Bahnhofswald

Bahnhofswald: Das Flensburger Naturhabitat ist die Heimat seltener Fledermausarten und soll für den Bau eines Hotels der Axt zum Opfer fallen.   – Foto: Marco Johns

Was die miteinander zu tun haben?  Lassen Sie es mich erklären.

Ein Beitrag von Dr. med. Helmreich Eberlein

Das neuartige Corona-Virus ist ein Erreger, der eigentlich in Fledermäusen lebte, und, vermutlich erst auf Schuppentiere und von diesen auf einem Markt in China auf Menschen übergesprungen ist und sich an sie angepasst hat. Solche Entwicklungen gibt es immer wieder und zunehmend häufig; bei Ebola, SARS, HIV, MERS war es ähnlich. Die Wissenschaft erklärt dies mit der zunehmenden Zerstörung von Lebensräumen durch den Menschen. Die Zeitung „Le Monde Diplomatique“ schreibt darüber: „Durch die Zerstörung der Lebensräume droht zahlreichen Arten die Aus­rot­tung …. Den überlebenden Arten bleibt nichts anderes übrig, als sich in die reduzierten Lebensräume zurückzuziehen, die ihnen die menschlichen Siedlungen übrig lassen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie in engen Kontakt mit Menschen kommen, und so können Mikroben, von denen sie besiedelt sind, in unsere Körper gelangen, wo sie sich möglicherweise in tödliche Krankheitserreger verwandeln. … Wenn man die Bäume der Fledermäuse fällt, zwingt man sie, auf Bäume in unseren Gärten und auf unseren Farmen auszuweichen.“

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hielt am 2.4. dazu eine Pressekonferenz, auf der sie erklärte: „Jetzt ist die Zeit für akute Krisenbekämpfung. Aber es wird eine Zeit nach der Pandemie geben. Spätestens dann sollten wir die Ursachen dieser Krise verstanden haben, um für die Zukunft besser vorbeugen zu können. Die Wissenschaft sagt uns, dass die Zerstörung von Ökosystemen Krankheitsausbrüche bis hin zu Pandemien wahrscheinlicher macht. Das zeigt: Die Naturzerstörung ist die Krise hinter der Coronakrise. Umgekehrt gilt: Gute Naturschutzpolitik, die vielfältige Ökosysteme schützt, ist eine wichtige Gesundheitsvorsorge gegen die Entstehung neuer Krankheiten.“ Zitiert wurde Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung: „Der Erhalt intakter Ökosysteme und ihrer typischen Biodiversität kann das Auftreten infektiöser Krankheiten generell reduzieren.“

Bezogen auf Flensburg bedeutet das: Artenschutz und der Erhalt von naturnahen Lebensräumen muss einen viel höheren Stellenwert in der Stadtplanung bekommen. Grundsätzlich und bei allen Vorhaben. Nicht zuletzt aber auch am Bahnhofswald. Es ist einfach keine gute Idee, den Lebensraum von ums Überleben kämpfenden Fledermausarten noch weiter einzuschränken und ein Hotel mit vielen Menschen unmittelbar daneben zu setzen. Die Stadt sollte stattdessen diesen Lebensraum unter Schutz stellen!

 

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