Wege ohne Heimkehr – Buchvorstellung mit Corry Guttstadt am 11.07.2016 in der Ossietzky-Buchhandlung Flensburg

Einladung:

Corry Guttstadt stellt vor: Wege ohne Heimkehr

Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen – ein historisch-literarisches Lesebuch

Vor 101 Jahren, im Frühjahr 1915 begann der Völkermord an den osmanischen Armeniern durch das jungtürkische Komitee, welches sich im Jahr 1913 an die Macht geputscht hatte und als enger Bündnispartner des Deutschen Kaiserreiches auch in diesem Vorgehen deutsche Unterstützung und Rückendeckung erhielt.
Dieses Buch will in Form einer kommentierten historischen und literarischen Textsammlung ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und an diesen Massenmord vor über 100 Jahren erinnern, aber auch das Leben der Armenier vor und nach dem Ersten Weltkrieg darstellen. Es präsentiert vor allem literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von (zumeist) Armeniern, die einen Eindruck ihrer vielfältigen Lebensrealitäten in Anatolien vermitteln. Weitere Texte schildern die Lebensbedingungen der überlebenden Armenier in der Türkei, in der das Verbrechen bis heute von staatlicher Seite geleugnet wird. So gab es auch für die meisten Überlebenden keine Heimkehr, ihre Familien waren ermordet, ihr Besitz beschlagnahmt.
Die heftigen, teilweise hasserfüllten Reaktionen staatlicher Amtsträger unter Führung des Staatspräsidenten Erdogan demonstrieren, wie eng die derzeitigen Machthaber noch der türkischen imperialen Machtpolitik verbunden sind – und wie fern sie einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Hypotheken eben dieser Machtpolitik stehen.
Diese Reaktion unterstreicht die Wichtigkeit dieses Buches.

Buchvorstellung
am Montag, den 11. Juli 2016 um 19:30 Uhr
in der Carl-von-Ossietzky-Buchhandlung
Große Str. 34, 24937 Flensburg, Tel.: 0461 29601


Corry Guttstadt, geb. 1955, studierte an der Universität Hamburg Turkologie und Geschichte. Während der 1980er und 1990er Jahre arbeitete sie als Übersetzerin (Türkisch), Deutschlehrerin und freie Autorin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Situation der ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei. Sie verbrachte ein Forschungssemester am Center for Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington DC und erhielt mehrere Forschungsstipendien (u.a. von der Fondation pour la Mémoire de la Shoah in Paris). 2011 und 2012 war sie Projektmanagerin des Projekts zum multiperspektivischen Geschichtslernen »Zuerst einmal bin ich Mensch« am Anne Frank Zentrum Berlin.

Ihre Dissertation »Die Türkei, die Juden und der Holocaust« basiert auf Recherchen in etwa 50 Archiven weltweit. Das Buch avancierte zum internationalen Standardwerk zum Thema und wurde inzwischen ins Türkische und Englische übersetzt.

Derzeit erarbeitet Corry Guttstadt mit Förderung der Beate Klarsfeld Foundation und der Fondation pour la Mémoire de la Shoah eine Quellenedition zur Politik der Türkei während des Holocaust.

Zum Buch Wege ohne Heimkehr

»Dies ist ein Weg, von dem es keine Heimkehr gibt«, notierte Armin T. Wegner im November 1915 in Ras al-Ayn im heutigen Nordsyrien. Wegner, der 1915-1916 als Sanitätssoldat der osmanischen Armee Augenzeuge des Völkermords an den Armeniern wurde, beschrieb mit seinem Tagebucheintrag das Los der vielen Hunderttausend Deportierten, die der sichere Tod erwartete.

Guttstadt_Wege_Cover_300Doch eine Heimkehr gab es auch für die meisten Überlebenden nicht. Nicht für Zabel Yesayan, eine der wichtigsten armenischen Schriftstellerinnen und engagierten Frauenrechtlerinnen ihrer Epoche, die sich der Deportation durch Flucht entzogen hatte, der die Erinnerung an den Ort ihrer Kindheit aber ein geistiger Zufluchtsort blieb. Nicht für den Lehrer Hagop Mintzuri, der zeitlebens nicht in das Dorf zurückkehrte, aus dem seine Frau, seine vier Kinder und alle anderen Angehörigen deportiert worden waren.

Dieses Jahr jährt sich der im Schatten des Ersten Weltkriegs begangene Völkermord an den Armeniern zum 101. Mal. Die meisten der in diesem Band versammelten Texte sind literarische, häufig autobiografisch geprägte Texte von Armeniern, die damit selbst zu Wort kommen. Einige stammen von Überlebenden der Deportationen, darunter bekannten armenischen Schriftstellern wie Yervant Odian, aber auch von Personen wie Pailadzo Captanian, die aus dem Bedürfnis schrieben, Zeugnis abzulegen über die erlebten, unvorstellbaren Grausamkeiten.

Ein Großteil der Texte thematisiert nicht den Völkermord selbst, sondern die Erinnerungen von ArmenierInnen an ihr Leben vor 1914 oder das Weiterleben im Exil bzw. in der Republik Türkei. Sie vermitteln einen Eindruck der vielfältigen Lebensrealitäten von Armeniern im Osmanischen Reich. Armenier nahmen aktiv Anteil am intellektuellen Aufschwung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ob Lyrik, Prosa oder Journalismus, von der Satire bis zum Theater, die armenische Literatur war ein entscheidender Bestandteil der osmanischen Literatur jener Epoche. In den Werken der armenischen AutorInnen drückt sich ihre Hoffnung und dann, angesichts der Ausgrenzung und Vernichtung ihres Volkes, ihre Verzweiflung aus, die sich ganz ähnlich dem deutsch-jüdischen Schreiben des frühen 20. Jahrhunderts in hellsichtiger Gesellschaftsanalyse und Satire Bahn bricht.

Die Texte werden gerahmt durch ein Vorwort des Historikers Hans-Lukas Kieser zu den Hintergründen des Völkermords sowie ein Nachwort von Corry Guttstadt und Ragıp Zarakolu zur Erinnerungspolitik in der Türkei.

Das Buch – gebunden, 203 Seiten, 978-3-86241-440-6, Preis: 19,80 € – ist erschienen im Verlag Assoziation A.

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