Armut in Flensburg – Sozialatlas 2011 bestätigt negativen Trend

Große Teile der Flensburger Bevölkerung weiterhin von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt

Die Vorstellung des Flensburger Sozialatlas 2011 auf der letzten Sitzung des Sozial- und Gesundheitsausschusses hatte es in sich. Trotz allgemeiner wirtschaftlicher Erholung sank die Zahl der Arbeitslosen nicht wirklich signifikant, wuchs aber weiterhin die Zahl derjenigen, die sogar trotz eines Jobs als sog. Aufstocker zusätzlich staatliche Transferleistungen benötigen, um ihren Lebensunterhalt decken zu können. Auch wenn die Daten des Sozialatlas bereits schon ein Jahr alt sind (Stichtag 31.12.2010) so zeichnet sich auch für 2011 keine grundlegende Änderung ab. Anders ausgedrückt, die sog. wirtschaftliche Erholung ist auch in diesem Jahr in Flensburg bei vielen Menschen wieder nicht angekommen.

Leidtragende sind, wie der Sozialatlas dokumentiert, vor allem Langzeitarbeitslose und Kinder und Jugendliche, die in Familien leben, die Transferleistungen nach dem SGB II beziehen (auch als „Hartz-IV“ bezeichnet). Allein 32,2% der Kinder unter 7 Jahren leben in sog. SGB II- oder Armutsfamilien. Und fast 6.000 Flensburger Kinder und Jugendliche, bzw. in schulischer Ausbildung befindliche junge Menschen aus besonders einkommensschwachen Familien sind derzeit anspruchsberechtigt im Sinne des Teilhabe- und Bildungspakets. Dies bei einer Gesamtzahl von 13.500 Kindern und Jugendlichen. Das heißt, dass die Armut nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Jugendlichen in Flensburg großflächig angekommen ist.

Dass der auch in Flensburg in der öffentlichen Debatte gern verwendete Begriff der „Kinder“-Armut die Ursachen hierfür weniger in der Armut der Eltern sieht und die Beseitigung eben dieser Armut in den Hintergrund drängt, ist politisch und moralisch nicht ohne Pikanterie. Gilt das öffentliche Mitgefühl und die Bereitschaft zu handeln, denn ausschließlich den „armen, kleinen“ Kindern oder aber auch den Eltern, den alleinerziehenden Müttern und Vätern, die zunehmend von Transferleistungen abhängig sind? Zudem macht sich in der öffentlichen und politischen Debatte und in den Blogs der Tagespresse ein ganz besonderer  Rassismus breit. So heißt es dort schon generalisierend und stigmatisierend, dass „Hartz-IV“-Empfänger nicht in der Lage seien, für ihre Kinder zu sorgen. Dass dies gleichzeitig einem institutionellen Kontrollwahn Tür und Tor öffnet und ebenso die Forderung im Raum steht, dass sich der Staat, anstatt für menschenwürdige Arbeitsplätze zu sorgen und die Armut zu bekämpfen, lieber totalitär das Zugriffsrecht auf die Kinder der Armen sichern sollte, ist schon beeindruckend. Dabei gibt es doch den Artikel  6 des Grundgesetzes.

Aber kommen wir noch mal zu einigen Zahlen des Sozialatlas:

Ende 2010 waren in Flensburg 88.961 Einwohner mit erstem Wohnsitz gemeldet. Allein 19.415 Menschen haben einen Migrationshintergrund, das entspricht fast 22% der Bevölkerung. Aber Achtung: „Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes zählen zu den Personen mit Migrationshintergrund alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten und alle in Deutschland geborenen Ausländer, darüber hinaus alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. Als Ausländer/innen gelten Personen, die eine andere Staatsangehörigkeit als die deutsche besitzen.“ (Sozialatlas 2011, S. 25)

Interessant ist dabei, dass nach der Nordstadt mit 30,3%, Engelsby mit 27,0% folgt, noch vor der Neustadt mit 25,5%. Den geringsten Anteil finden wir auf dem Sandberg mit 15,1%, es folgen Jürgensby mit 16,9% und Tarup mit 17,3%.  Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in den Stadtvierteln lässt jedoch keine generellen Aussagen zu ihren Chancen auf den Arbeitsmarkt zu. Denn trotz einer besonders hohen Migrationsquote in Engelsby lag dort im Jahr 2010 die Arbeitslosenzahl sogar unter dem Flensburger Durchschnitt, während sie in der Neustadt und Nordstadt fast um das 2 ½-fache höher lag, als in Engelsby. Es stellt sich also die Frage, in welcher Art und Weise die Integration aller Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt erfolgreicher gestaltet werden kann.  (Sozialatlas 2011, S. 26 f. und S. 32).

Von besonderem Interesse ist im Rahmen der allgemeinen Armutsdebatte in Flensburg auch die Zahl der Empfänger von staatlichen Transferleistungen.

Das waren laut Sozialatlas Ende 2010 (siehe Sozialatlas 2011, S. 34, 40-44) in Flensburg:

11.185 Bezieher von Leistungen nach SGB II, III und XII im Alter von 15 bis unter 65 Jahren

778 Bezieher von Grundsicherung im Alter

4.093 Bezieher von Wohngeld

3.079 nichterwerbsfähige Hilfebedürftige in Bedarfsgemeinschaften nach SGB II (hauptsächlich Kinder unter 15 Jahren)

Nicht erfasst wurden in dieser Auflistung in Flensburg lebende Asylbewerber, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen.

Alles zusammen erhielten also Ende 2010 rund 20.000 Menschen in Flensburg staatliche Transferleistungen zur Absicherung ihres Lebensunterhalts. Das macht einen Anteil von 22,5% an der Gesamtbevölkerung. Anspruchsberechtigt dürften allerdings noch mehr Menschen sein, denn ein nicht unerheblicher Teil von Beziehern niedriger Einkommen, Rentnern und Selbständigen verzichtet auf die ihnen rechtmäßig zustehenden Leistungen, teils aus Unkenntnis und aus Scham oder aber auch um sich nicht vollständig offenbaren zu müssen. Rechnet man also nur die oben genannten Zahlen plus einer gewissen Dunkelziffer, wie aber auch einen Teil der Flensburger Studierenden dazu, dann leben etwa ein Viertel der Flensburger Bevölkerung an oder unterhalb der Armutsschwelle.

Und ein weiteres Indiz für die zunehmende Verarmung ist auch die Überschuldung der FlensburgerInnen. Rund 13.000 Erwachsene sind nicht mehr in der Lage ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Das entspricht einer Schuldnerquote von 14,6%. (siehe Sozialatlas 2011, S. 45).

Fasst man also einige der wichtigsten Daten des Sozialatlas zusammen, so hat sich in Flensburg der seit Jahren zu beobachtende negative Trend weiter fortgesetzt. Gleichzeitig haben sich Armutsstrukturen und die damit verbundenen Folgen und Auswirkungen für die Menschen geradezu systemisch verfestigt und untergraben damit den sozialen Zusammenhalt und die zukünftige Entwicklungsfähigkeit der Stadt Flensburg.

Die derzeitigen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, wie auch rigide Sparprogramme erhöhen allerdings nicht die Aussichten auf grundlegende Änderungen. Inwieweit die Stadt Flensburg  und die Kommunalpolitik in der Lage sind, dennoch eigene praktikable Konzepte zu entwickeln, die auf kommunaler Ebene zumindest eine teilweise Entlastung und Besserung für die betroffenen Menschen versprechen, sollte Thema nicht nur der öffentlichen Debatte in den kommenden Monaten sein.

Jörg Pepmeyer

Mehr zum Thema:

Nachtrag vom 11. November 2014:  https://akopol.wordpress.com/2014/11/11/sozialatlas-2014-fur-flensburg-liegt-vor-armut-in-der-stadt-nimmt-weiter-zu/

Sozialatlas 2014 für Flensburg liegt vor – Armut in der Stadt nimmt weiter zu

Immer mehr Menschen in Flensburg beziehen Sozialleistungen

Aus der Mitteilungsvorlage für die Sitzung des Sozial- und Gesundheitsausschusses am 17.11.2014:

Mit dem Sozialatlas 2014 (Datenbasis 31.12.2013) liegt der 13. Sozialstrukturbericht für die Stadt Flensburg vor.

Die Bevölkerungszahl steigt weiter an und erreicht Ende 2013 den Stand von 90.628.

Die Geburtenzahl sinkt im Vergleich zu 2012. Der Altenquotient (Einwohner/-innen ab 65 Jahren im Verhältnis zur Anzahl der 20- bis unter 65-Jährigen) stagniert. Insbesondere durch den Zuzug verläuft der „demographische Wandel“ etwas abgeschwächt.

Zum Thema Migration sind wieder aktuelle Angaben enthalten.

Anzumerken ist, dass zum 31.12.2013 gegenüber dem Vorjahresstand deutlich mehr Personen im Bezug von Sozialleistungen stehen.

Inhalt und Struktur im Sozialatlas sind gegenüber dem Vorjahr identisch. Alle Angaben zu den Bevölkerungszahlen beziehen sich weiterhin auf die Datenbestände des städtischen Einwohnermelderegisters.

Die Ergebnisse des Zensus sind nicht berücksichtigt, da die Stadt Flensburg diese für nicht nachvollziehbar hält und Widerspruch gegen die Festlegung eingelegt hat. Zudem können nur die Daten des Einwohnermelderegisters kleinräumig ausgewertet werden.

Hier geht´s zum sozialatlas 2014 sozialatlas 2014

Siehe auch den AKOPOL-Blog-Artikel Armut und soziale Spaltung in Flensburg – Strukturdaten dokumentieren wirtschaftlichen Abwärtstrend der Stadt unter: https://akopol.wordpress.com/2011/12/31/armut-und-soziale-spaltung-in-flensburg-strukturdaten-dokumentieren-wirtschaftlichen-abwartstrend-der-stadt/

Hier geht´s zum Flensburger Sozialatlas 2011 sozialatlas_2011

Flensborg Avis – Artikel von Uwe Sprenger vom 16.12.2011 Trotz neuer Jobs mehr Hilfebedürftige Sozialatlas Flensborg Avis 16-12-2011

shz-online – Artikel von Anja Werner vom 11. November 2011 Schulden-Schere spaltet Flensburg Schulden-Schere spaltet Flensburg

shz-online – Artikel von lno vom 05. Dezember 2011 Hartz IV – Bildungspaket erreicht arme Familien nicht Hartz IV und Kinderarmut

Zum Thema Armut in Schleswig-Holstein der Bericht der Landesregierung – Armuts- und Reichtumsberichterstattung vom 20.09.2011: Armutsbericht Schleswig-Holstein drucksache-17-1850 und Arbeitsminister Garg

Zum Thema Armut in Deutschland  auch ZEIT-ONLINE vom 21.12.2011: Armutsbericht 2011 – Jeder Siebte von Armut bedroht unter: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-12/armut-bericht-deutschland

Zum oben zitierten Armutsbericht 2011 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes geht´s hier: Armutsbericht 2011 des DPWV

Flensburger Sozialatlas 2010/11/12/13/14/15

Der Flensburger Sozialatlas mit Daten zur sozialen Situation der Bevölkerung in Flensburg

Nachtrag: Wer sich einen groben Überblick über die Flensburger Sozialdaten und deren Veränderung in den letzten Jahren verschaffen möchte, dem sei auch ein Blick in den Sozialatlas der Stadt Flensburg empfohlen. Allerdings sind die Daten des Sozialatlas leider nicht qualitativ aufbereitet, fehlen zudem wichtige Strukturdaten. Auch methodisch gibt es erhebliche Defizit bei der Datenerhebung. Dies erschwert eine qualitative Interpretation der im Sozialatlas präsentierten Daten und lässt für realistische Schlussfolgerungen hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der sozialen Verhältnisse in der Stadt wenig Raum. Für die politische Debatte sind die Daten des Sozialatlas daher nur bedingt hilfreich und nutzbar. Hier geht´s zum Flensburger Sozialatlas 2010 Sozialatlas 2010 , Sozialatlas 2011 sozialatlas_2011 , Sozialatlas 2012 Flensburger Sozialatlas 2012 , Sozialatlas 2013 sozialatlas_2013 und Sozialatlas 2014 sozialatlas 2014 , Sozialatlas 2015 Sozialatlas_2015

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Veröffentlicht am 26. Dezember 2011 in Daten und Zahlen, Flensburg News, Hartz IV, Haushalt, Soziales, Wirtschaft und mit , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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