Zwischenruf 29 auf Akopol

Chaos pur in Cannes

Denn wer kann schon glaubhaft behaupten, dass er einen Weg aus dieser verfahrenen Situation kennt?

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Unter diesem Titel brachte das Flensburger Tageblatt am 20. Oktober einen Gastkommentar von Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblattes. Dieser Beitrag macht überdeutlich, wie komplex die Materie ist und wie unübersichtlich die Gesamtsituation der Weltwirtschaft sich derzeit darstellt, sodass sogar Experten sich in Widersprüche verwickeln bzw. ihre Argumente nicht als logisch stimmig wahrgenommen werden können.

An den Anfang stellt er ein Zitat von Lenin: „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muss man ihr Geldwesen verwüsten.“ Das kommentiert er folgendermaßen:

„Unsere Politiker sind auf dem besten Wege, Lenins Kampfauftrag zu erfüllen. An der Spitze der Verwüster finden wir Angela Merkel und Nicolas Sarkozy. Beide haben die Gestaltungsmacht des hohen Staatsamtes in ökonomische Zerstörungsmacht umgedeutet, deren Folgen bald für jedermann spürbar sein werden. Von der Marktwirtschaft hält die Kanzlerin seit jeher nicht viel.“ Als Beispiele führt er ihre damalige Absicht, Opel mit Milliarden zu subventionieren und ihr „Ausstiegsbefehl an die Energiewirtschaft“ an. Und jetzt seien die (armen) Banken dran, die „zwangsweise rekapitalisiert“ werden sollen.

Bei einer entschiedenen Ablehnung des herrschenden Weltwirtschaftssystems meinerseits ist diese einseitige Schuldzuweisung an die Politik meines Erachtens jedoch nicht gerechtfertigt und schon gar nicht die Behauptung, Merkel hielte nichts von der Marktwirtschaft. Man vergegenwärtige sich, welche einschneidenden Gesetze zur Lockerung und Förderung der Finanzwirtschaft unter Gerhard Schröder vorangetrieben und unter Merkel mit ihrem Finanzminister Peer Steinbrück noch einmal forciert wurden. Führten nicht diese neu geschaffenen Möglichkeiten dazu, dass sich gerade die Banken durch „innovative, strukturierte Finanzprodukte“ zu immer hemmungsloseren Spekulationen hinreißen ließen, die zu diesen schwerwiegenden Verwerfungen in der Finanzwirtschaft führten? Die intensiven Bemühungen von Josef Ackermann und anderen Vertretern seiner Zunft, Einfluss auf die Gesetzestexte im Finanzministerium zu nehmen, dürften auch Gabor Steingart bekannt sein. Hier die Schuld ausschließlich auf die Politik zu schieben, ist unfair und sachlich nicht einmal korrekt. Mit Hilfe effektiver Lobby-Arbeit wurden gemeinsam Voraussetzungen geschaffen, die diese Zügellosigkeit erst ermöglichten. Nicht ohne Grund hat LobbyControl die Deutsche Bank mit Josef Ackermann für die Lobbykratie-Medaille nominiert.

http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2011/11/deutsche-bank-und-josef-ackermann/

Welchen Wert haben moralische und ethische Selbstverpflichtungen, wenn sie nicht eingehalten werden, offensichtlich nur zum schönen Schein formuliert wurden? Wie muss man es einordnen, wenn die Deutsche Bank und ihre diversen Töchter sich an Geschäfte mit Uranwaffen in Afrika beteiligen oder fruchtbares Ackerland aufkaufen, um Pflanzen für Biosprit anzubauen, das dann den einheimischen Bauern für die eigene Versorgung fehlt? (Quelle: Urgewald) Und haben nicht gerade die Banken an den Spekulationen auf Anleihen und Wertpapiere der in Not geratenen Staaten äußerst gut verdient? Dann fällt mir sofort wieder die Äußerung von Arbeitgeberpräsident Hundt ein: „Moral hat in diesen Bereichen keine Relevanz!“ (s. auch ZR 9) Oder man denke an sogenannte Leerverkäufe, bei denen Wetten auf Aktien abgeschlossen werden, die dem Wettenden nicht einmal gehören. Sie haben besonders dann katastrophale Auswirkungen, wenn es um Nahrungsmittel geht und weitere Hungersnöte von Millionen Menschen verursachen, weil sie dadurch noch teurer werden.

Wurden solche trickreichen, „ innovativen“ Spekulationsinstrumente nicht ausschließlich erfunden, um noch schneller die Gewinne zu maximieren? Mit „normalem“ Wirtschaften hat das wohl nichts mehr gemein. Wer sind diese cleveren Gehirne, die sich solche entarteten Tricks ausdenken? Die Folgen für die Wirtschaft – für die Allgemeinheit insgesamt – kommen in diesen Köpfen nicht vor. Verantwortung ist in diesen Kreisen offenbar ein Fremdwort. Das belegen sogar Berichte, in denen Broker von Goldman Sachs und Morgan Stanley befragt wurden, ob ihnen bewusst wäre, welche Katastrophen sie mit ihren Casino-Aktivitäten auslösen würden. Die freimütige Antwort war: „Das ist mir sch….egal!“ Nicht nur Heiner Geißler ordnet diese Art der „Finanzwirtschaft“ als kriminell ein. Ist das nicht ein erschreckendes Bild, dass diese Akteure keine Verantwortung, kein Gewissen mehr spüren können, dass sie so in ihrer Gewinnsucht gefangen sind? Muss man das nicht als Sucht bewerten und sind diese Akteure nicht therapiebedürftig? In meinen Augen sind das Psychopathen, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen.

Die Voraussetzungen für diese verantwortungslosen Spekulationsgeschäfte wurden jedoch gemeinsam von Politik zusammen mit der Finanz- und Versicherungswirtschaft entwickelt, die Wolfgang Hetzer „Finanz-Mafia“ nennt. Soweit meine Wahrnehmung zu den „gebeutelten“ Banken.

Obwohl einigen Politikern durch die Vehemenz der Finanzkrise durchaus bewusst geworden scheint, dass mit diesen Lockerungen und Möglichkeiten eine Pandora-Büchse geöffnet wurde und einige sehr zaghafte Regulierungen angedacht werden, diesen bösen Geist in die Flasche zurück zu zwingen, müssen sie konstatieren, dass es sich gar nicht so einfach gestaltet, denn die Profiteure dieses Systems sind einflussreiche Persönlichkeiten, die alle wichtigen Schaltstellen und Schlüsselpositionen besetzen. Und sie haben Geld im Überfluss.

Für die sogenannte „Schuldenkrise“ sind jedoch noch weitere Ursachen als das Casino der Banken zu nennen. Die Ideologie des herrschenden Wirtschaftssystems fordert u. a. einen „schlanken Staat“. Die üppigen Steuervergünstigungen primär für die Unternehmerseite der vergangenen Legislaturperioden kamen dieser Forderung nach und bescherten dem Staat Mindereinnahmen von ca. 400 Milliarden Euro im Zeitraum von 2000 – 2010 (s. auch ZR 17)! In der Folge nahmen die Schulden natürlich zu. Schwerwiegende Auswirkungen dieser „weisen Politik“ sind ebenfalls, dass der Staat seinen Verpflichtungen hinsichtlich der Infrastruktur allgemein, der Daseinsvorsorge und vor allen Dingen im Bereich der Bildung nicht mehr genügend nachkommen kann. Die zeitgleichen Bemühungen, alle Bereiche der Daseinsvorsorge zu privatisieren, entpuppt sich als Bumerang für den Staat auf allen Ebenen, da private Investoren sich natürlich die Rosinen herauspicken. Das erlebt Flensburg gerade hautnah mit dem Campus-Bad, das als ÖPP-Projekt konzipiert ist. Es wurde der Flensburger Ratsversammlung vom Investor mit unrealistischen Besucherzahlen schmackhaft gemacht. Heute ist eine Pleite aufgrund zu geringer Besucherzahlen nicht mehr auszuschließen und die Stadt steht natürlich in der Pflicht. Der Investor setzt den Rat sogar noch unter Druck und fordert einen Zuschuss für eine Erweiterung!

Wie hohl und verlogen klingen da die ständig wiederholten Behauptungen, wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt? Haben wir Bürger über unsere Verhältnisse gelebt? Auf dem Hintergrund der eigentlichen Ursachen ist diese Behauptung eine einzige Unverschämtheit uns Bürgern gegenüber. Alle tonangebenden Medien sind sich natürlich einig und bekräftigen jeden Tag aufs Neue diese Auffassung. Auch das ist Teil der „Meinungsmache“ genau wie „Dem Land geht es gut“ und dem „Glücksatlas“ (siehe ZR 27).

Alle sozialen Sicherungssysteme sollen auf ein Minimum reduziert werden. Griechenland erlebt aktuell die Durchführung dieser Forderung in ihrer extremsten Form. „Nichts ist so förderlich für eine Reform wie eine Krise“, wie Milton Friedman es formuliert! Die Forderungen der „Troika“ an Griechenland überschreiten jedes Maß an Vernunft und sogar der simpelsten Logik. Wie soll ein Land binnen weniger Monate solche überzogenen Forderungen erfüllen können, ohne dass die Gesamtwirtschaft zusammenbricht?

Die bisher sichtbaren Auswirkungen: Die Einkommenseinbußen drosseln den privaten Konsum. Die hellenische Wirtschaft schrumpfte um über fünf Prozent. Die Arbeitslosigkeit kletterte auf über 16 Prozent. Die Steuereinnahmen sinken. Der Schuldenberg wächst weiter. Reihenweise Geschäfte gehen Pleite. Die „Rettung“ Griechenlands gleicht einem Würgegriff, dem die griechische Regierung nicht entkommen kann.

Trotzdem bestehen die „Retter“ auch weiter auf die Einhaltung der „Abmachungen“ (des Diktats!), da sonst kein Euro mehr fließt. Einige wenige Europäer haben diesen Irrsinn erkannt und fordern Alternativen. Sogar Gabor Steinhart nennt Beispiele aus der Geschichte, wie den Marshall-Plan der Amerikaner, der das zerstörte Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg großzügig auf die Beine half. „Volkswirtschaften lassen sich durchaus retten, wie die Geschichte lehrt“, schreibt er. Aber die Hardliner – allen voran Angela Merkel – blockieren jede Alternative.

„Der Kartenhaus-Charakter der bisherigen Rettungspolitik ist unübersehbar. […] Der Tag rückt näher, an dem zusammenfällt, was zusammenfallen muss“, sagt Gabor Steinhart. Er begründet seine Aussage mit der Absicht, die Banken zu rekapitalisieren. Auch meiner Ansicht nach steht ein Kollaps des Systems bevor, jedoch aus ganz anderen Gründen.

Das Ziel des herrschenden Weltwirtschaftssystems beruht ausschließlich auf Gewinnmaximierung und das – wie es aktuell sichtbar wird – zügellos, ohne sich irgendwelcher moralischen und ethischen Verpflichtungen unterwerfen zu müssen. Das hat die erste Priorität, der sich alles andere unterzuordnen hat. Wie weiter oben beschrieben spielen die Auswirkungen auf die Allgemeinheit keine Rolle. Dabei sind dann kriminelle Tricks durchaus nicht ausgeschlossen, wie wir es erleben müssen. In welcher Zeit leben wir, in der es Psychopathen gelingt, durch riskante Spekulationen ganze Staaten in den Ruin zu treiben? Was sind das für Regierungen und Parlamente, die es zulassen, dass ihre Bürger dadurch in die Armut getrieben werden, dass sie diese Voraussetzungen schaffen und jetzt, wo sie sichtbar sind und der Kollaps vorprogrammiert ist, nicht entschieden Einhalt gebieten? Die minimalen Absichtserklärungen der Mächtigen der Welt zeigen, wohin die Reise geht, denn im Hintergrund des G 20-Gipfels in Cannes stehen die Wirtschaftsgrößen im B 20- Gipfel und geben entsprechende Anweisungen – inklusive der Deutschen Bank!

In welcher Welt leben wir, in der Aussagen von Merkel und Sarkozy zu Berg- und Talfahrten an den Börsen führen, in der es in Bruchteilen von Sekunden zu irrealen Entscheidungen kommen kann? Ermöglicht durch die schnelle Rechen-Technik der Computer ohne dass eine verstandesmäßige Überprüfung eines Experten zur Entschleunigung und Korrektur dazwischengeschaltet wurde? Ist es nicht ein einzigartiges Privileg des Menschen, für Entscheidungen seinen Verstand einzusetzen? Hier entscheiden computeranimierte Vorgänge, ob der DAX zum Höhenflug oder zum Absturz ansetzt.

Die Realwirtschaft bildet immer noch das Fundament für unseren Alltag. Wie sollen die Unternehmen jedoch längerfristig effektiv und vernünftig wirtschaften können, wenn sie täglich Gefahr laufen müssen, zerfleddert zu werden. Müsste die herrschende Weltwirtschaftsordnung nicht auf allen Ebenen danach hinterfragt werden, ob sie tatsächlich nur zum Vorteil einiger weniger zuständig ist? Angefangen bei der WTO, dem IWF und der Weltbank, weiter über die Organisationen der EU bis hin zu den Regierungen der Nationalstaaten. Demokratiedefizite sind in allen Bereichen sichtbar geworden. Welche demokratische Legitimation hat z. B. der IWF, die Fortschritte bei der Umsetzung der Forderungen an Griechenland – und jetzt auch Italien – zu kontrollieren?

Weltweit gehen immer mehr Menschen auf die Straße, weil sie endlich erkennen, wie stark unsere Gesellschaftsstrukturen durch die einseitige Gewichtung des Geldes bereits zerstört wurden. Sie demonstrieren gegen dieses menschenverachtende Wirtschaftssystem. Occupy Wall Street, wir sind die 99 %, schwappt nach Europa über. Die vielen Konferenzen, Krisen-Gipfel und Beschlüsse der Regierenden der Euro-Zone der vergangenen Wochen zeigen keine Anzeichen eines Umdenkens.

Deshalb wird der außerparlamentarische Widerstand zunehmen müssen, damit unsere Volksvertreter keine Zweifel bekommen, wie ernst wir es meinen.

Denn wir sind das Volk und wir wollen ein Wirtschaftssytem, das dem Menschen dient!

Und dann wird eine andere Welt möglich!

Beate Liebers

Über akopol

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Veröffentlicht am 5. November 2011 in Flensburg News, Soziales, Wirtschaft, Zwischenruf und mit , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Katherine Dunning

    Yes, Claus.

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  2. Hallo Lars H.
    Die herrschende „Freie Marktwirtschaft“ wurde auf der Grundlage der Theorien (Ideologien) von Hayek und Friedmann in den Vorgaben der WTO zementiert und zwar mit dem erklärten Ziel „freier Handel ohne irgendwelche Begrenzungen“, ausschließlich zum Nutzen und zur Mehrung des Geldes.
    Die Folgen für die 99 % der Bevölkerung kommen darin nicht vor. Im Gegenteil, eine Verantwortung für das Gemeinwohl wird sogar ausgeschlossen.

    Man wird lange und intensiv über verschiedene Strömungen und Positionen einzelner Akteure diskutieren können, die Grundrichtung bleibt. Sie haben sicher recht in Ihrer Bewertung, dass die Marktwirtschaft vor dieser Entartung einen anderen Charakter hatte. In wie weit damals der Freiheitsgedanke des Liberalismus noch von einem Verantwortungsbewusstsein für das Wohl aller Bürger im Zaum gehalten wurde, mag ich nicht beurteilen.

    Die Auswüchse der vergangenen Jahre zeigen, dass ein System, das nur sich selbst genügt und keinen Gedanken an das Gesamtgeschehen verschwendet, in Wirtschaftsanarchie mündet. Es schafft den Nährboden für Kungelei, politische Korruption, organisierte Kriminalität bis hin zu Drogen-Mafia etc. gegen welche unsere juristischen Möglichkeiten offenbar versagen.

    Solange dieser Grundgedanke des Eigennutzes dieser „Finanzdiktatur“ nicht konsequent reformiert wird und Verantwortung für die gesamte Bevölkerung entwickelt wird, werden alle noch so wohlgemeinten „Reparaturen“ des Systems scheitern. So wie es jetzt läuft, wird weder Griechenland, der Euro noch dieses Wirtschaftssystem gerettet bzw. in vernünftige Bahnen geleitet.
    Das ist in Kürze meine Überzeugung. Ich weiß, es sind dicke Bretter!

    Beate Liebers

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    • Danke für Ihre Antwort =)

      ich würde gerne einmal zwischen den Theorien von Hayek und Friedmann differenzieren weil genau hier der unterschied zwischen echtem Liberalismus und dem Neoliberalismus liegt. Milton Friedmann war genau wie Keynes ein befürworter der Zentralbank. Die Zentalbank hat es möglich gemacht den Geldwert zentral festzulegen. Und genau darin liegt die Ursache für den entarteten Finanzkapitalismus, den Booms und Busts und der politischen Korruption. Denn die Zentralbank gibt Geld an die Banken raus und überall wo diese investieren gehen die Preise nach oben wärend die breite Bevölkerung in diesem System verarmt.

      Hayek war ein Gegner der Zentralbank. Wäre unser heutiges System konkurrenz ausgesetzt, es würde verschwinden. Die Leute würden sich für Geld entscheiden das in seinem Wert stabil ist und nicht politisch zu gunsten von den erstempfängern (meistens die Spekulanten und der Staat) manipuliert wird.

      Eine verarmte Gesellschaft kann sich nicht um seine Hilfsbedürftigen kümmern. Wenn wir weiterhin die oberen „1%“ durch unser Fiat-Money aufblasen leiden die ärmsten und schwächsten am meisten darunter weil sie es sind welche in die Arbeitslosigkeit getrieben werden und sich irgendwann ihr Brot nichtmehr leisten können.

      Sie sprechen ja die Probleme die daraus resultieren konkret an, aber sehen Sie alternative Lösungen?

      Gruß
      Lars

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  3. Hallo Beate
    Sie liegen mit ihrer Analyse im rahmen Ihrer jeweiligen Begriffsdefinitionen absolut richtig.
    Allerdings verwenden Sie die Marktwirtschaft als Synonym für die Finanzwirtschaft. Und hier liegt ein gewaltiger Fehler aufgrund dessen der Leser zu falschen Schlussfolgerungen kommen könnte.

    Ich sag mal gleich ganz provokant: Die Marktwirtschaft ist nicht für die ausufernde Spekulation, die zunehmenden Fehlinvestitionen und die verarmung der Mittelschicht verantwortlich.
    Unser heutiges Wirtschaftssystem ist eine Konzerndiktatur und keine freie Marktwirtschaft. Die freie Marktwirtschaft ist auch kein System, sie war der natürliche zustand der Welt bevor Regierungen sie durch Gesetzgebung verzerrt haben.

    Die Neoliberale Ideologie, die von allen etablierten Parteien beworben wird hat in wirklichkeit nichts mit Marktwirtschaft/Kapitalismus/Liberalismus zu tun. Die „liberalisierung“ des Finanzwesens von der wir immer sprechen ist eigendlich die legalisierung von Betrug. Die Regierung setzt sich nicht für einen Freien Markt ein sondern für die Lobbys die sie an die Macht gebracht haben und deren Kartelle sie dafür gegen Konkurrenz schützen (wie der von Ihnen zurecht kritisierte Ackermann). Das ist eine unheilige Allianz zwischen Wirtschaft und Regierung.

    Die Ursache unserer Probleme sind in der Geldpolitik zu suchen (ich rede von Marktfeindlicher Staatsintervention)

    Wenn die Zentralbank Geld zu billig anbietet verursacht das nämlich genau die von Ihnen beschriebenen Probleme. Die Spekulanten nehmen das billige Geld und investieren es in Projekte die unter Marktwirtschaftlichen bedingungen nicht lohnenswert sind. Dadurch entstehen diese Blasen. Musterbeispiel ist hierfür immer die Finanzkrise ’08, damals haben die US Banken kredite einfach nur so rausgehauen für geringe zinssätze. Um der Inflation entgegenzuwirken wurden der Leitzins dann wieder angehoben. Boooom sachte das, die Investitionen brachen ein, die preise fielen in den Keller, die Banken mussten abschreiben, Lehman Brothers hats umgehauen. Die Spekulanten waren die ersten die abgesprungen sind. Ackermann hat in guten zeiten auch vieles von dem Schrott gekauft aber rechtzeitig an die IKB verramscht die dann beinahe verstaatlicht wurde. Die insider wissen eben immer rechtzeitig bescheid und der Staat muss kommen und retten… wie wurde das gemacht? Inflation. Kaufkraftverlust. Das ist eine Steuer die leider den wenigsten überhaupt bewusst ist.

    Neben den Finanzmärkten hat auch die Regierung selber ein interesse sich zu günstigen Zinsen zu verschulden und in der Regierungszeit die Wirtschaft maximal BOOMen zu können. Leider denken die Politiker immer nur sehr kurzfrisitig und tun alles um den zwangsläufigen BUST bis zur wiederwahl hinauszuzögern. Letztendlich ist die Staatsverschuldung auch eine Blase die gerade (in Griechenland) hoch geht. Aber für uns kommt der Zahltag auch zwangsläufig. Das kann die Banken genau so crashen wie die Amis damals mit ihrer Housing Bubble bei Lehman Brothers.

    !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Wir subventionieren die Spekulanten über die Inflation mit unserer Kaufkraft!
    !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Die Lösung:
    Wenn es kein gesetzliches Zahlungsmittel* gäbe müssten die Banken das Geld welches sie raus geben mit Sachwerten wie Gold und Silber decken, sonst würde es niemand annehmen. Gold und Silber kann man aber nicht in belibiger Menge drucken. Es gäbe keine Geldinflation mehr.
    Würde das enden gäbe es auch diese furchtbare Spekulation nichtmehr. Ohne ein neues Gesetz zu schreiben. Man bräuchte nur hunderte bestehende Gesetze streichen.

    Zusammenfassung:
    Wir verlieren in diesem System wärend die Finanzmarktlobby gewinnt weil die Politik deren Spekulationen durch billiges Geld subventioniert. Und wir bezahlen diese subventionierung über die Teuerung (ausgelöst durch Inflation).

    Bevor dieses System nicht öffentlich diskutiert wird muss ich Gabor Steingart nach meiner Definition von Marktwirtschaft leider recht geben: Die Kanzlerin hält davon seit jeher nicht viel.

    Ansonsten haben Sie einen sehr lesenswerten Artikel verfasst.

    Gruß
    Lars

    *Manche Leute haben probleme sich eine Welt ohne Geldmonopol vorzustellen. Auch ein Goldstandart wäre denkbar, die vergangenheit hat allerdings gezeigt das die Regierung versucht diesen aufzuweichen. Erst durch das fraktionale Bankensystem und Später durch die engültige aufhebung.

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    • Hierzu empfehle ich, folgenden Artikel zu lesen:

      http://www.flegel-g.de/index.htm

      Gruß
      Rudi Freundlich

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      • Ich hoffe ich bin hier auf den richtigen Artikel gestoßen:
        http://www.flegel-g.de/index-geld.html

        Ich kann dem auch weitestgehend zustimmen, nur bei der beschreibung des Zinsmechanismus fehlt mir ein Detail:

        Unter Marktwirtschaftlichen bedingungen läuft das so: man verleiht Geld, geht dabei das Risiko ein es zu verliehren und verlangt natürlich für dieses Risiko einen Aufschlag in form von Zins.
        Normalerweise müssten Investoren die Fehlinvestitionen tätigen ihr Geld verlieren. Auch das Geld von dem wir glauben das wir es bei der Bank liegen haben wird in 9-facher Menge weiterverliehen. Das Geld kann fehlinvestiert werden und verloren gehen (wenn die Bank zum beispiel dummerweise Griechische Staatsanleihen kauft). Nun kommt die Regierung und haut die Banken bei diesen fehlinvestitionen wieder raus. Schließlich geht es ja um das Geld der Einleger…. Dadurch fühlen sich die Banken natürlich too big to fail und investieren selber in größeren Mengen in riskanteren Anlagen. Der Staat haftet ja…

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        Der Zins führt also nur zu exponentieller Geldinflation wenn das Risiko das investierte Geld zu verlieren ausgehebelt wird. Das führt auch zu dem sogenannten Moral Hazard und heizt wiederum Spekulation und Fehlinvestition an.
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        Gruß
        Lars

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  4. Liebe Beate,
    zunächst einmal möchte ich Dir sagen, dass ich mich freue, dass Du Deinen Biss behalten hast. Wer hätte die Probleme klarer und umfangreicher ansprechen können, als Du. Besonders interessant der Hinweis auf Lenin: „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muss man ihr Geldwesen verwüsten.“ Dass das System sich nun evtl. selbst zerstören wird, daran hätte seinerzeit selbst Lenin wohl nicht im Traume gedacht.
    Mir fällt in diesem Zusammenhang spontan eine Geschichte aus der türkischen Historie ein: „Der letzte Sultan, Abd ul-Hamit II war geprägt durch die Verschwendungssucht seines Onkels und Vorgängers, er drehte seine Finanzpolitik um 180 °; seine Sparsamkeit, nein Raffgier ging aber letztendlich soweit, dass er an seine arabischen Untertanen, die um ihre Freiheit vom türkischen Joch kämpften, Waffen verkaufte, damit seinen eigenen Sturz beschleunigte.
    Auch wenn das nicht der alleinige Grund für seinen Sturz wurde, er hatte sich auch zu sehr mit dem deutschen Kaiser verbündet; was natürlich den damaligen Großmächten nicht behagte.
    Ich wollte damit sagen, dass die Gier des Systems sich wahrscheinlich selbst umbringen kann, evtl. wird.
    Schlimm ist nur, dass auch hier zunächst die ärmeren Schichten zu leiden haben werden, siehe Griechenland.
    Meinen Dank an AKOPOL, hier wurde ein großartiges Medium geschaffen; ich hoffe nur, dass es zu mehr Meinungsaustausch im Blog kommt. Das Proplem für eine funktionierende Demokratie sind die vielen Abnicker, die schweigende Mehrheit; eigentlich sollten die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben, aber…….?
    Also aktiv werden, Meinungen äußern !
    Claus Kühne

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