Zwischenruf 25 auf Akopol

Bemerkungen zur Papstrede im Bundestag am 22.9.2011

Die mit Spannung erwartete Rede des Papstes im Parlament war aus mehreren Gründen sehr bemerkenswert und jeder Abgeordnete hätte gut daran getan, sich die Ausführungen aufmerksam anzuhören. Ich beziehe mich gezielt auf den Text und blende hier ganz bewusst die Situation und die Realität in der katholischen Kirche aus. Sie wären einer weiteren Betrachtung wert.

Erst im Nachhinein erschließt sich die ganze Dimension dieser Rede. Wer richtig zu hören versteht, kann die massive Kritik an den Zustand und den politischen Entscheidungen nicht überhört haben. Gleich zu Anfang zitiert er den jungen König Salomon, der eine Bitte frei hat:

« Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht » (1 Kön 3,9).

„Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muss. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen“, so Papst Benedikt. „Der Politiker ist ein Diener des Rechts!“

« Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande », hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall -, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt.

Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist!“

Der Papst bezieht seine Ausführungen auf den Positivismus, der sich ausschließlich auf beweisbare Erfahrungen gründet.

„Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Europa rückt in einen Status der Kulturlosigkeit.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden“.

Auf dem Hintergrund des Zustandes unserer Gesellschaft geben diese Worte des Papstes bedeutsame Anregungen, die unbestreitbar dringend öffentlich diskutiert werden müssten. Es ist jedoch zu befürchten, dass dieser Apell unbeachtet verhallen wird.

Beate Liebers

Hier geht´s zur Papstrede im Wortlaut unter: http://www.morgenpost.de/politik/article1772700/Die-Papst-Rede-im-Wortlaut.html

Nachtrag J.P.: Der Papst und Jürgen Habermas im Diskurs

Sicherlich scheiden sich nicht nur angesichts des derzeitigen Umgangs der katholischen Kirche mit dem Missbrauchsskandal und was die Positionen des Papstes zur Ökumene angeht, die Geister. Dennoch möchten wir zum besseren Verständis der Gedankenwelt des Papstes eine Dokumentation des Diskurses veröffentlichen, den dieser im Jahr 2004 noch als Kardinal Joseph Ratzinger mit dem deutschen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas führte. Hier geht´s zur Dokumentation: Der Gesprächsabend in der Katholischen Akademie in Bayern am Montag, 19. Januar 2004 – „Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“ unter: Habermas Ratzinger

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Veröffentlicht am 24. September 2011, in Flensburg News, Zwischenruf. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Liebe Karin,
    Deine Einstellung ist weit verbreitet und ist natürlich irgendwo berechtigt.
    MEINE prinzipielle Grundeinstellung ist: Zuhören, versuchen den Hintergrund des Erzählers zu ergründen und dann zu BEWERTEN, nicht unbedingt zu verurteilen.
    Ich BEWERTE die konkreten Aussagen des Papstes (auch als Nicht-Katholikin) als überaus notwendige Anregung. Aber gerade in seiner Person wird so erschreckend deutlich, wie gute und richige Worte dadurch zur Farce werden, dass sie in der Realität nicht gelebt werden.
    Und das beschränkt sich ja nicht auf die katholische Kirche sondern scheint die Regel, wenn wir die Aussagen von Politikern aller Parteien betrachten. Man denke an unser GG und den Grundsatzprogrammen der Parteien und wie diese vollkommen anders ausgelegt bzw. missachtet werden.
    Mit lieben Grüßen
    Beate

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  2. Meine grundsätzliche Frage ist , was das Oberhaupt der katholischen Kirche im dt. Bundestag „zu suchen“ hat ? Es wurde – mit „militärischen Ehren“ empfangen – angeblich als Staatsoberhaupt des Vatikan. Dieser Widersruch erübrigt meines Erachtens jedes kritische Befassen mit Inhalten der Äusserungen des Gastes. Solange allenthalben die Trennnung v. Staat und Kirche gefordert wird , dies aber in Deutschland, wie jetzt erlebt , nicht praktiziert wird, sondern – im Gegenteil – sozusagen eine Gebrauchsanweisung aus katholischer Sicht an die gewählten Vertreter des Volkes übermittelt wird , deren Inhalt zudem einem jeden der sich als solche/r zur Wahl stellt , als Maxime längst in ihm / ihr sein sollte !! . Da kann ich einmal mehr nur sagen : armes Deutschland !

    Wäre ich Katholikin , würde ich mich über das Schweigen meines Oberhirten zu den vielen offenen Fragen in meiner Kirche masslos empören. Er kann es sich anscheinend leisten.

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