Armut in Flensburg – Knapp ein Viertel der Bevölkerung lebt an oder unterhalb der Armutsschwelle

Bericht der Flensborg Avis: Dramatische Verschlechterung der sozialen und wirtschaftlichen Lage tausender  FlensburgerInnen

Es ist schon bemerkenswert, wie die Flensborg Avis die von der AKOPOL-Fraktion angestoßene Wohnungs-Debatte heute zum Anlass nahm, sich in einer Reportage von Jens Nygaard mit der äußerst prekären Lage eines nicht unerheblichen Teils der Flensburger Bevölkerung zu beschäftigen.

Kaum wahrgenommen wird in dieser Stadt, dass sich in den letzten Jahren die Lebensbedingungen tausender FlensburgerInnen massiv verschlechtert haben. Knapp ein Viertel der Bevölkerung braucht mittlerweile ganz oder teilweise staatliche Transferleistungen, um ihren Lebensunterhalt decken zu können. Hierzu gehören Menschen, die arbeitslos sind, aber auch zunehmend diejenigen, die trotz Arbeit zuwenig verdienen, oder Ältere, deren Rente vorne und hinten nicht reicht. Dazu gehören natürlich auch die Kinder- und Jugendlichen, die in sog. SGB-II-Haushalten aufwachsen und deren Eltern Transferleistungen erhalten. Diese Leistungen reichen dabei vom Wohngeld bis hin zum Arbeitslosengeld oder zur ergänzenden oder vollständigen Gewährung von Grundsicherung nach SGB II (auch „Hartz IV“ genannt) und SGB XII. Dazu kommen noch eine ganze Zahl von jungen Menschen, die Bafög beziehen, darunter auch eine nicht unerhebliche Zahl der über 8.000 Studierenden an den beiden Flensburger Hochschulen. Andererseits gibt es zahlreiche FlensburgerInnen, deren Einkommen knapp oberhalb der festgelegten Transfergrenze liegt, die aber dennoch als arm gelten. Hierzu gehören viele Studierende, Niedriglöhner, Selbständige, Freiberufler und Rentner.

Und noch schlimmer, anlässlich der Einführung des sog. Bildungspakets musste die Stadt Flensburg feststellen, dass rund 6.000 Kinder und Jugendliche anspruchsberechtigt sind. Angesichts von insgesmat 13.000 Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren in dieser Stadt, heißt  das, dass fast die Hälfte (46%) aller jungen Menschen in Armutshaushalten lebt!

Aber hinter der sog. „Kinderarmut“ steckt vor allem die Armut der Eltern. Und die haben in den letzten Jahren ganz besonders in Flensburg enorme Einbußen bei den Löhnen und Gehältern hinnehmen müssen. Während es eine rasante Ausweitung der Leiharbeit, von Minijobs und eine zunehmende Zahl von ArbeitnehmerInnen in Flensburg gibt, die mit Niedrig- und Niedrigstlöhnen abgespeist werden, sind nach Angaben des DGB in den letzten 12 Jahren in der Region Flensburg mehr als 5.000 verhältnismäßig gutbezahlter Industriearbeitsplätze wie z. B. bei Motorola „abgebaut“ worden. Auch im Dienstleistungsbereich gab es einen erheblichen Verlust qualifizierter Arbeitsplätze. Jüngstes Beispiel ist die Versatel.

Das alles hat zu einem besorgniserregenden Fall der Lohnquote und der Wirtschaftskraft in Flensburg geführt. Mit fatalen Auswirkungen nicht nur für den Haushalt der Stadt, sondern auch für die Sozialkassen.

Dramatisch wird dies vor allem im Alter, wie auch die Flensburger Zahlen zeigen. Denn bereits schon jetzt beziehen mehr als 5% der RenterInnen in Flensburg Leistungen im Rahmen der Grundsicherung – mit stark steigender Tendenz. Es droht in Flensburg in den nächsten Jahren eine flächendeckende Altersarmut.

Neben dem allgemeinen Anstieg der Lebenshaltungskosten, musste Flensburg zugleich einen enormen Anstieg der Mieten verkraften. So stiegen innerhalb der letzten 5 Jahre, also von 2006-2011 die Mieten um 16%. Dies dokumentiert eine Studie, auf die sich Rechtsanwalt Detlev Gutsch im Rahmen eines Interviews mit der Flensborg Avis bezog. Gutsch, der eng mit dem Mieterverein Flensburg zusammenarbeitet, macht hierfür insbesondere nationale und internationale Hedge-Fonds verantwortlich, die in den letzten Jahren große Wohnungsbestände in Flensburg aufgekauft und die Mietpreise drastisch nach oben getrieben hätten.

Vor allem im Bereich der preiswerten Wohnungen für Studierende, Geringverdiener und SGB-II-Leistungsempfänger sei der Markt leegefegt. Die vom Jobcenter festgelegten Mietobergrenzen für Leistungsempfänger seien viel zu niedrig. Im Rahmen dieser Richtwerte sei es nicht möglich, tatsächlich menschenwürdige Wohnungen anmieten zu können.

Für die AKOPOL-Fraktion ist der Bericht der Flensborg Avis ein Grund mehr, die Debatte um einen qualifizierten Mietspiegel und die Gründung einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft in Flensburg voranzutreiben. Gleichzeitig wollen wir zukünftig die prekäre Lage eines Viertels der Bevölkerung viel stärker zum Thema der politischen Debatte in der Flensburger Ratsversammlung und den Fach-Ausschüssen machen.

Wir brauchen überzeugende und praktikable Konzepte, mehr Bürgersolidarität, mehr Arbeitsplätze und mehr Geld, um diese Menschen wieder in unsere Mitte aufzunehmen. Als AKOPOL-Fraktion werden wir alles tun, um hierfür die notwendige Unterstützung in der Bevölkerung zu bekommen. Gleichzeitig laden wir alle zivilgesellschaftlichen Gruppen und die politischen Parteien ein, mit ihnen gemeinsam an der Umsetzung dieses ehrgeizigen Ziels zu arbeiten.

Jörg Pepmeyer (AKOPOL-Fraktionsvorsitzender)

Hier geht´s zur Reportage Det kniber mit pengene von Jens Nygaard in der Flensborg Avis vom 17.9.2011 Flensborg Avis 17.9.2011 Det kniber mit pengene

Daten, Zahlen und Fakten zum Thema Armut in Flensburg:

Zum Thema Rentnerarmut in Schleswig-Holstein ein Artikel des Flensburger Tageblatt vom 23. August 2011, S. 1 Rentner müssen immer öfter arbeiten – 32 000 Senioren in Schleswig-Holstein sind Minijobber / Tendenz steigend unter: Rentnerarmut Schleswig-Holstein

Flensburger Sozialatlas 2010/11/12/13/14/15

Der Flensburger Sozialatlas mit Daten zur sozialen Situation der Bevölkerung in Flensburg

Nachtrag: Wer sich einen groben Überblick über die Flensburger Sozialdaten und deren Veränderung in den letzten Jahren verschaffen möchte, dem sei auch ein Blick in den Sozialatlas der Stadt Flensburg empfohlen. Allerdings sind die Daten des Sozialatlas leider nicht qualitativ aufbereitet, fehlen zudem wichtige Strukturdaten. Auch methodisch gibt es erhebliche Defizit bei der Datenerhebung. Dies erschwert eine qualitative Interpretation der im Sozialatlas präsentierten Daten und lässt für realistische Schlussfolgerungen hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der sozialen Verhältnisse in der Stadt wenig Raum. Für die politische Debatte sind die Daten des Sozialatlas daher nur bedingt hilfreich und nutzbar. Hier geht´s zum Flensburger Sozialatlas 2010 Sozialatlas 2010 , Sozialatlas 2011 sozialatlas_2011 , Sozialatlas 2012 Flensburger Sozialatlas 2012 , Sozialatlas 2013 sozialatlas_2013 , Sozialatlas 2014 sozialatlas 2014  und Sozialatlas 2015

Ebenfalls Daten zum gleichen Thema in einem Atlas des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (dpwv): „Unter unseren Verhältnissen II“ Ein Atlas der Sozialkürzungen der Bundesregierung 2011 – 2014 Armutsgefährdete, Hartz IV-Bezieher und Niedrigverdiener – die Verlierer der vergangenen Wirtschaftsentwicklung und der aktuellen Krise – werden durch das „Sparpaket“ noch ärmer gemacht: Fatal für die Familien, die von Transferzahlungen in Teilen oder auch in Gänze leben müssen. Fatal auch für die regionale Wirtschaft, da Familien am unteren Ende der Einkommensskala das Geld ausschließlich für ihren Lebensunterhalt benötigen. Kurz: Was sie einnehmen geben sie auch aus. Daten, Zahlen und Fakten hierzu unter: sozialatlas_2010_dpwv

Pressemittelung des Statistischen Bundesamtes: Armutsgefährdung in den Bundesländern weiter unterschiedlich unter: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/thematisch/221__GT,templateId=renderPrint.psml

Mehr Zahlen zum Thema Armut in Flensburg auch in dem AKOPOL-Blog-Artikel Armut und soziale Spaltung in Flensburg – Strukturdaten dokumentieren wirtschaftlichen Abwärtstrend der Stadt unter: https://akopol.wordpress.com/2011/12/31/armut-und-soziale-spaltung-in-flensburg-strukturdaten-dokumentieren-wirtschaftlichen-abwartstrend-der-stadt/

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4 Antworten zu Armut in Flensburg – Knapp ein Viertel der Bevölkerung lebt an oder unterhalb der Armutsschwelle

  1. susanne Holm schreibt:

    Danke Rudi,
    ich glaube, ich werde mir Sticker drucken lassen mit all den Forderungen und mein Auto damit zukleben, damit das Interesse der Bevölkerung geweckt wird und in der Hoffnung sie tun ihre Meinung offen kund wie in Chile, Spanien …….. Es wird Zeit, ich sehe auch unsere Demokratie in Gefahr, denn unsere Regierung macht (Macht) ja schon seit langem was sie will, oder besser gesagt was die Banken, Energiekonzerne, Pharmaindustrie u.s.w……will! Wie jetzt auch mit der Eurorettung, und ich sehe das genauso wie Akopol, daß sich da wieder ganz viele bereichern werden, die so wie so genug haben. Und genommen wird es von den Ärmsten wie überall.
    Gut ist auch, daß in Berlin die Piraten mit drin sind und das es doch eine sehr jung vom Alter her, Partei ist. Ich hoffe, sie stellen etwas vernünftiges auf die Beine. Und von Akopol erhoffe ich mir, daß sie mit der Bürgerinformation nicht nachlässig werden. Denn die Grünen und die WIF waren letztendlich doch nur enttäuschend für mich und viele andere.

    Lieben Gruß Susanne

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  2. susanne Holm schreibt:

    Die Menschen hier, die davon betroffen sind halten sich leider zurück, sie sollten auf die Straße gehen und ihren Unmut mal zeigen.

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  3. susanne Holm schreibt:

    Die Immer größer werdende Armut, das habe ich und sehr viele andere schon vor Jahren gesagt, daß sie kommen wird.
    Durch die Einführung der 400 Eurojobs sind reihenweise Vollzeitarbeitsplätze verloren gegangen
    Und durch die starke Zunahme von Zeitarbeitsfirmen (Billiglohn). Jetzt hat Frau Merkel und Co. ganz stolz ist sie darauf einen Mindestlohn festgesetzt, er beträgt 7,78 Euro BRUTTO die Stunde. Ich hatte in den 80er Jahren schon einen Stundenlohn von 22,00 DM. Spott und Hohn das Ganze.
    All dieses hat auch dazu geführt, daß die Steuereinnahmen weniger geworden sind und die Rentenkasse leerer. Psychischkranke immer mehr.
    Die Arbeitslosenzahl ist nicht korrekt, da die Arbeitslosenhilfeempfänger mit in den Hartz 4 Topf gefallen sind und tauchen in der Statistik der Arbeitslosen nicht mehr auf. Das sieht nach außen natürlich besser aus.

    1 EUROJOBS GEHÖREN VERBOTEN, ES KOMMT EINER ENTMÜNDIGUNG DES MENSCHEN GLEICH.
    HARTZ 4 KOMMT IN MANCHEN FÄLLEN EINER ENTEIGNUNG GLEICH

    Zu den Renten kann ich nur sagen, der Generationsvertrag kann „natürlich“ nicht mehr bestehen, aber das weiß man doch nicht erst jetzt.
    Fazit:
    Mehr finanzielle Unterstützung im Bereich Schul- Aus- und Weiterbildung.
    ALLE zahlen in die Renten/Pensionskasse.
    ALLE arbeiten bis 67/69, oder besser gesagt bekommen erst ihre Rente/Pension
    ALLE haben einen Steuerfreibetrag und keine Lohnsteuerklassen, sondern einen Mindeststeuersatz, der sich je nach Jahreseinkommen umm ….Prozent erhöht
    Kinder werden ausschließlich aus der Kindergeldkasse berücksichtigt
    Subventionen streichen

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    • Rudi Freundlich schreibt:

      Hallo Susanne Holm,

      Ihrem Kommentar stimme ich fast vollständig zu. Nur es gibt diesen von Ihnen erwähnten Generationsvertrag nicht. Zwischen den Generationen wurde nie ein Vertrag geschlossen. Dies ist ein Hirngespinst von Politikern, die besonders auch in der Rentenpolitik voll versagen und dort nur die Kassen plündern.

      Zu der letzten Sendung von Mey Britt Illner gibt es einen passenden Kommentar, in dem auch zum Generationenvertrag Stellung genommen wird:

      http://www.flegel-g.de/index.htm

      Es lohnt, dort einmal alles nachzulesen.

      Rudi Freundlich

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